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28.01.2013

PZ-zapp: "Tatort: Melinda" - schräg, extrem, spannend

21 „Tatort“-Teams wird es in diesem Jahr geben. Bis Pforzheim, Platz 64 auf der deutschen Großstadtliste und bald ohne eigene Polizeidirektion, mit einem „Tatort“-Team an die Reihe kommt, wird es leider noch etliche Jahre dauern. Anfangs war ich skeptisch, ob diese sonntägliche ARD-Kommissarsinflation funktionieren kann. Doch inzwischen glaube ich, dass genau die Vielfalt diesen deutschen TV-Krimidinosaurier retten kann. Es wurde Zeit, dass mal wieder seltsame Typen, eigensinnig, eigenbrödlerisch, eigenmächtig und mit allerlei menschlichen Schwächen den bösen Buben ans Bein pinkeln.

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21 "Tatort"-Teams wird es 2013 geben. Finden Sie die Vielfalt gut?

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Denkt Ihnen noch der Ruhrpott-Rambo Horst Schimanski? Als Götz George in seiner Schicksalsrolle 1981 seinen ersten Fall löste, gab es jede Menge beleidigte Reaktionen. Wo war da die echte Polizeiarbeit? Wie kann man so einen Prolet im Staatsdienst herumprügeln lassen? Wie darf so einer als Kripobeamter saufen, fluchen und mit wechselnden Frauen Geschlechtsverkehr haben? Selbst die „Bild“-Zeitung ereiferte sich als Tugendwächterin und zählte einmal durch, wie oft Schimanski zur besten Sendezeit „Scheiße“ sagte. Irgendwann in den 80er-Jahren war dann Schimanski Kult – den Traditionalisten zum Trotz.

Gut, wer generell glaubt, dass früher alles besser war, wird den jüngsten „Tatort: Melinda“ aus Saarbrücken sowieso nicht mögen. Zu wenig realistisch anmutende Polizeiarbeit, zu schräge Typen, zu comicartig geschnittene Charaktere, zu hanebüchen die ganze Geschichte. Fast so wie bei Kriminalhauptkommissar Thiel und Gerichtsmediziner Professor Boerne aus Münster. Oder beim extremen Grenzgänger Kommissar Faber aus Dortmund. Kopfschütteln bei den Anhängern der reinen „Tatort“-Lehre - das gab es früher alles nicht. Jetzt aber scheint das Andere, das Neue zum Normalfall zu werden. Mal sehen, wie schnell das Kult wird.

Schlechte Zeiten also für Puristen. Jetzt darf in einem ernsten deutschen Sonntags-Krimi in der ARD auch mal gelacht und der Geisteszustand des Ermittlers angezweifelt werden. Devid Striesow spielt seinen neu nach Saarbrücken gekommenen Kommissar Jens Stellbrink als Spürnase irgendwo zwischen Münster-Witz und Dortmund-Psychose, der, wenn er nicht mit Gummistiefeln und Shorts durch den Baumarkt watschelt als Yoga-Storch im Polizeipräsidium herumsteht, um eine Autonummer aus seinem Unterbewusstein hervorzukramen.

Starker Tobak. Vor allem, wenn der reichlich seltsame Stellbrink dann auch noch gegen zig Gesetze und Vorschriften verstößt, um seinen Fall zu lösen. Das hatte nichts mit der Polizeiarbeit zu tun, die wir aus anderen „Tatort“-Filmen kennen. Mal abgesehen davon, dass auch scheinbar besonders realitätsnahe „Tatorte“ immer noch meilenweit vom echten Polizeialltag entfernt sind.

Beim ARD-Sonntagskrimi aus Saarbrücken handelte es sich in erster Linie um einen spannenden Film mit schrägem Personal und überraschenden Wendungen, der seine eigene Dynamik aus einer eigenen Filmlogik bezieht und einfach nur unterhalten will. Ist ja nicht unbedingt das Schlechteste, was einem an einem Sonntagabend auf der Couch passieren kann.

„Wenn du dir jetzt noch den Stock aus dem Arsch ziehst, dann klappt’s vielleicht“, gibt Stellbrink seiner Kommissarkollegin und charakterlichem Gegenpart Lisa Marx (Elisabeth Brück) – und auch dem Publikum? - einen guten Rat für ein entspannteres Miteinander. Das ist ja fast schon so wie damals bei Rambo Schimanski und Biedermann Thanner.

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