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TV-Kolumne PZ-zapp

Mit dem "Tatort: Paradies" eröffneten die österreichischen Ermittler Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) den Reigen neuer "Tatort"-Folgen nach der viel zu langen Sommerpause. Besonders Adele Neuhauser konnte in der eher mäßigen Geschichte wunderbare Akzente setzen.
PZ-zapp-Kurtz-positiv-mit-BU © Fotolia/Dietz
01.09.2014

PZ-zapp: "Tatort: Paradies" beendet Sonntagabendkrimi-Sommerpause

Jetzt ist klar, was die vorangegangenen Sonntagabende so unbefriedigend auf der Couch gemacht hat. Wer will schon am letzten stressfreien Tag der Woche voller Vorfreude in die Flimmerkiste starren, wenn er weiß, dass es noch keine neuen „Tatort“-Folgen zu sehen gibt? Und wer will schon montags mit den Kollegen über Filme diskutieren, wenn es nichts über den neuen ARD-Sonntagabendkrimi zu loben oder zu lästern gibt? Diese Leidenszeit namens „Tatort-Sommerpause“ ist nun vorbei. Die Österreicher machten mit "Tatort: Paradies" den Anfang.

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Gleich vorweg: Es war nicht der beste Ösi-Krimi, den uns die Kommissare Eisner (Harald Krassnitzer – Espresso-bitter, aber gut) und Fellner (Adele Neuhauser – an- und aufregend wie ein Mokka gespritzt) serviert haben, aber er hat nach der viel zu langen „Tatort“-losen Zeit trotzdem geschmeckt. Dabei gefällt mir immer mehr die trocken gelegte und tapfer trocken bleibende, einen Hang zur Unterwelt pflegende, überzeugend mühelos zwischen stark und schwach schwankende Adele Neuhauser, von der es leider viel zu wenig im deutschen Fernsehen zu sehen gibt. Das doch eher sattsam bekannte TV-Gesicht Krassnitzer mag populärer sein, seine „Tatort“-Kollegin aber spielt wesentlich eindringlicher, überraschender und nachhaltiger wirkend.

Nur wegen ihr und der endlich überstandenen Sommerpause gibt es für diesen Film in der PZ-zapp-Wertung den nach oben zeigenden Daumen. Die eigentliche Geschichte um zu Drogenkurieren gewordene Rentner, von denen einer der gerade verstorbene Vater von Kommissarin Fellner war, ist dann doch eher unglaubwürdig und arg bemüht konstruiert. Da werden die schwierigen familiären Verhältnisse der Ermittlerin (keinen Kontakt zum lieblosen, versoffenen und verarmten Vater) ebenso in die Story gepackt wie die erschreckende, in einem furchtbar armseligen Heim endende Altersarmut oder der unkontrollierte Drogen-Grenzverkehr zwischen Ost und West, also Ungarn und Österreich.

Viel Stoff, viel Crystal Meth, aber letztlich wenig berauschend. Wäre da nicht die Ex-Säuferin Fellner, die nur widerwillig zum Sterbebett ihres Vaters zieht und dem nach einem Schnaps lechzenden Eisner das Mittrinken ablehnt: "Diesen Triumph gönne ich ihm nicht." Sie leidet unter ihrer Familiengeschichte, aber sie zerbricht nicht daran und wird schon gar nicht kitschig-sentimental. Mit wenigen Mitteln und Worten offenbart sie ein Familiendrama, das zwangsläufig im Suff enden musste und selbst nach langer Abstinenz immer noch als Damoklesschwert über der Kommissarin hängt.

Aber: Fellner und Eisner meistern die Klippen der Sucht und des Untergangs mit einem grimmigen Humor, mit bittersüßer Selbstironie und einer liebenswürdigen Wiener Nonchalance, so dass man als Zuschauer angesichts der großen Portion Sozialkritik und Weltschmerz nicht gleich in tiefste Depressionen verfällt.

Dann gibt es da ein paar Finsterlinge, die irgendwie zu durchsichtig agieren. Und natürlich einen Oberrentnergauner, dessen Enkel der große Dealerboss ist, der zu allem Überfluss auch noch von seinem einst reichen und mächtigen, von seiner eigenen Tochter in die Armut gestürzten Opa getötet wird. Viel synthetischer Stoff also, aber kaum ein echter „Tatort“-Rausch. Weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.