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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
14.11.2016

PZ-zapp: "Tatort: Taxi nach Leipzig" - spannendes Kammerspiel zum Jubiläum

Wie hätten Sie die 1000. „Tatort“-Folge gefeiert? Auch mit einem verblüffenden Kammerspiel, das sich im Prinzip auf eine nächtliche Fahrt in einem Taxi reduzieren lässt? Gerade weil sich der 1000. „Tatort“ auf wenige Orte und im Grunde wenige wichtige Personen beschränkt, konnte er begeistern. „Taxi nach Leipzig“, 2016 gespickt mit Reminiszenzen an die erste, gleichnamige „Tatort“-Folge zeigt aber auch, was sich in der beliebtesten deutschen Krimireihe verändert hat – parallel zu den Entwicklungen in unserer Gesellschaft.

Die Macher des Generationen verbindenden und tatsächlich die GEZ-Gebühren verdienenden Sonntagabendkrimis in der ARD mussten eine Entscheidung treffen. Was soll als Jubiläums-„Tatort“ gezeigt werden? Ein Ego-Shooter-Spiel à la Nick Tschiller (Til Schweiger) mit seinem üblichen Feuerwerk an Geballer, Explosionen und Toten im Minutentakt oder eine Ego-Show im Burgtheater-Stil mit Felix Murot (Ulrich Tukur) in einem karg ausstaffierten, nur mit einem Spot ausgeleuchteten Ein-Personen-Einakter? Oder hätten Sie lieber mit den Ermittlersenioren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) als betulich um ihre bajuwarisch-biedere Küchenphilosophie kreisende Silberlocken-Jubiläums-Gang mitgefiebert?

Die Wahl fiel auf eine Kooperation der kühlen Nordlichter Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Hans Borowski (Axel Milberg). Hannover trifft Kiel. Das versprach norddeutsche Kühle, Reserviertheit und Unnahbarkeit sowie eine zwischen „Land unter“ und grüner Flachland-Ödnis gewachsene Sprachlosigkeit. Doch es kam ganz anders. Was sich bei den beiden Ermittlern in einem Polizeiseminar in Braunschweig andeutet, wird später in einer Horrorfahrt in einem Taxi in aller Deutlichkeit ans Licht gezerrt. Während Ermittlerin Lindholm mehr mit ihren Handybotschaften beschäftigt ist, träumt Borowski vom Büffet. Später im Taxi wird deutlich, dass sie unfähig ist, Beziehungen einzugehen, dass sie endlich einmal Liebe erleben will, aber nicht über One-Night-Stands und anschließende Handykontakte hinauskommt, während er der grummelige Egozentriker ist, der außer sich nichts gelten lässt und doch nicht so recht weiß, was er mit sich selbst anfangen soll.

Einfach so aus Lust am Kommunizieren enthüllen die Kommissare ihr Innerstes freilich nicht. Der Seelenstriptease wird von einem Taxifahrer (Florian Bartholomäi) erzwungen, einem ausgedienten KSK-Soldaten, der in Afghanistan als Sprengmeister zahlreiche Menschen, darunter auch jede Menge Unschuldiger, getötet hat. Weil Lindholm und Borowski so mit sich selbst beschäftig sind, bemerken sie auf dem Rücksitz nicht einmal, wie der im Taxi mitfahrende Kollege mit einem grausam sicheren Handgriff des Fahrers getötet wird. Der Tod kommt unerwartet, still, an sich unspektakulär und lässt einen als Zuschauer doch erst einmal schlucken.

Dann beginnt die Irrfahrt mit Lindholm und Borowski als Geiseln, die schonungslos offen und wahrheitsgemäß über ihre seelischen Verstrickungen reden müssen, um am Leben zu bleiben. Ein sadistisches Spiel mit einem tödlichen Regelwächter. Der will nach Leipzig, um seine heiratswillige Ex-Geliebte aus den Händen seines Ex-Vorgesetzten zu reißen. Eine Kugel entscheidet später, wer die Frau nicht bekommen wird, aber anders, als sich das die beiden KSK-Gemütskühlschränke vorstellen.

An „Taxi nach Leipzig“ ist einiges anders, als man es sich wohl zuvor als Zuschauer so vorgestellt hat. Und in diesem Fall ist das auch gut so. Das Kammerspiel im nicht mehr taufrischen Opel Omega begeistert durch sein Personal und die konzentrierte Handlung. Ein Stück öffentlich-rechtliches Fernsehen vom Feinsten.

Der historische Vergleich

Mit „Taxi nach Leipzig“ heißt der 1000. „Tatort“ von 2016 wie der erste „Tatort“ aus dem Jahre 1970. Zwischendrin liegen nicht nur 46 Jahre deutsche Fernsehgeschichte, sondern auch rund viereinhalb Jahrzehnte deutsche Geschichte und Politik und die damit verbundenen Wandlungen in der Gesellschaft. Die „Tatort“-Premiere erlebte damals eine Einschaltquote von 61 % – bei nur drei empfangbaren Fernsehprogrammen. Für die neuerliche Taxifahrt entschieden sich immerhin 11,46 Millionen Zuschauer. Das sind 30,3 % – ein Superwert angesichts der erschlagenden Masse an televisionärem Schwachsinn, der zur gleichen Zeit über deutsche Mattscheiben flimmerte.

Damals hieß der Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter), ein mürrischer Kerl, der kein Privatleben und keine Psychosen hatte, dafür aber munter dem Bier und den Zigarren zusprach und nicht in Superman-Art oder Superhirn-Manier den Verbrecher jagte, sondern allein mit seiner natürlichen Autorität die Bösen schaudern und stolpern ließ. Heute haben die Ermittler alle irgendwie einen Knacks und eine labile Seele, die sie mit Tabletten beruhigen oder aufhellen wollen. Ihr Privat- und Familienleben trägt das Label „Gescheitert“ – und daran haben sie zuletzt Folge für Folge schwer zu knabbern. Die „Tatort“-Teams als Mustergruppe für Adoleszenzverweigerer, Emotionskrüppel und Depressionsgefangene? Früher war mehr Mann, heute ist es oft mehr Lametta.

Unverändert bleibt der „Tatort“ auch heute noch immer ein Spiegel unserer Gesellschaft, egal ob der Mord in höheren Kreisen der falsch schimmernden Finanzwelt oder in den dunklen Seitengassen unserer neuen Migrantenghettos begangen wurde. Wenn man wissen will, wie die Deutschen seit den 70er-Jahren bis heute getickt haben, sollte man die „Tatort“-Folgen jener Jahre sehen.

Zur Person Florian Bartholomäi

Lindholm und Borowski haben übrigens Glück gehabt. Ihr psychopathischer Taxifahrer ist ein erprobter „Tatort“-Mörder. In zwölf „Tatort“-Auftritten spielte Florian Bartholomäi mit, in sechs Fällen war er der Mörder, sieben Tote pflastern seinen Weg zum Fernsehruhm. „Ich bin privat eigentlich ein ganz lieber Kerl“, sagt der gebürtige Frankfurter, der in Berlin lebt. Er lasse nur bei der Arbeit alle Schlechtigkeit raus. „Ich habe einen Hang dazu, zerrissene, einsame Charaktere zu lieben, die hilflos sind und nach was suchen.“

Sendung verpasst?

In der ARD-Mediathek ist der Jubiläums-„Tatort“ abrufbar – allerdings nur zwischen 20 Uhr und 6 Uhr, weil der Film erst für Menschen ab 12 Jahren freigegeben ist. Ist ja verständlich, denn 11-Jährige bewegen sich bekanntlich nach 20 Uhr ja nie im Internet...

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