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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
16.04.2018

PZ-zapp: "Tatort" aus Nürnberg zeichnet bewegendes Fremdenhass-Panorama

Man muss sich schon ein bisschen an das Frrränggische gewöhnen. Irgendwie klingt es etwas langsam, etwas gedehnt. Aber wer sich da durchgebissen hat, erlebte einen hoch spannenden, aktuellen „Tatort“ aus Nürnberg, der ein facettenreiches Bild deutscher Fremdenfeindlichkeit bot, ohne moralinsauer oder einseitig daherzukommen. Hier ging es um Hass auf verschiedenen Ebenen, wie er Familien und Vereine durchdringt und trennt und am Ende zu irrationalen Handlungen führt.

Dabei fing alles so entspannt an. Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) feierte seinen Einstand bei der Kripo in „Närmberch“, bis dann die Nachricht von einem Doppelmord die Party sprengt. Mit seiner Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) bewegt er sich fortan unter schweigenden rechtsradikalen Jugendlichen, die im Knast sitzen, weil sie einen jungen Flüchtling zum Krüppel geschlagen haben und aus Angst vor etwas oder jemand nichts sagen wollen. Welche Rolle spielt der Polizist und nahe Ringelhahn-Freund, der unter Medikamenteneinfluss tödlich mit dem Auto verunglückte und Jugendliche in einem Fußballverein trainierte, in dem ein strammer Rechtsextremist das Vereinsleben prägt? Und was verbergen Angehörige und Freunde eines jungen, allseits von Studentinnen angehimmelten und untergetauchten libyschen Maschinenbaustudenten, dessen Aussage dazu beitrug, die drei Jugendlichen aus dem rechten Fußballverein hinter Gitter zu bringen?

Der „Tatort: Ich töte niemand“ überzeugte mit vielen Wendungen und Überraschungen, ohne überkonstruiert zu wirken. Erstklassige Dialoge, die nicht zum wiederhalten Male alte Krimi-Standards variierten, zeichneten Szenen und Personen von großer Glaubhaftigkeit, auch wenn deren Taten in ihrer blutigen Grausamkeit irritieren. Was macht Hass aus den Menschen? Und warum hassen Menschen andere, die schwächer sind, ohne von denen wirklich bedroht zu werden? Die Nürnberger Ermittler müssen tief im Sumpf des Fremdenhasses wühlen, um am Ende festzustellen, dass Familien dadurch auseinandergerissen werden, dass Kinder sich freuen, an einer blutigen Bestrafungsaktion teilzunehmen und dann einen Mord decken, während die durch ihren nationalistischen Vater früh stramm rechts sozialisierte Mutter ihren Ehemann tötet, um das Geheimnis zu wahren.

Dabei war der Doppelmord an einem libyschen Geschwisterpaar nicht geplant. Es traf die Falschen. Bestraft werden sollte der Maschinenbaustudent, der als Zeuge die drei rechtsradikalen jungen Schläger belastet hatte. Der junge Mann muss untertauchen und sinnt auf Rache. Am Ende trifft er auf den Vereinsboss und Agitator, der die Fäden zieht und doch nicht alles so kontrollieren kann, wie er will. Der ehemalige Lehrer verachtet die Dummheit seiner nützlichen Idioten, seiner Schläger und doch braucht er sie als Publikum seiner kruden Ideen und hanebüchenen Ideen. Ihm gegenüber sitzt der junge Libyer, der kurz zuvor seine Angehörigen verloren hat, weil der schwadronierende Pensionär die aus der Dummheit geborene, im Hass explodierende Brutalität seiner Gefolgsleute nicht bremsen kann. Und in dieser ebenfalls blutig endenden Szene zwischen Hetzer und Gehetztem wird deutlich, dass Hass ansteckend sein kann, dass Hass auch die Gehassten ins Negative verändern kann. Selbst die sonst eher auf emotionale Distanz setzende Ermittlerin Ringelhahn muss bei der Verhaftung der Ehefrau des tödlich verunglückten Kollegen solch eine Verwandlung erleben.

Das ist das Schöne und Spannende an diesem Krimi. Nichts ist am Ende so klar und eindeutig, wie es zuvor noch aussah. Überall tun sich Abgründe auf. Ein Franken-„Tatort“, der rundum begeistert und der ohne oberlehrerhaft erhobenen Zeigefinger ein deutsches Fremdenhass-Panorama zeichnet, das einem Sorgen machen muss. Da gibt es nur eine PZ-zapp-Wertung: Daumen hoch.

In der ARD-Mediathek ist der „Tatort: Ich töte niemand“ noch bis zum 15. Mai verfügbar.