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TV-Kolumne PZ-zapp

© Dietz
17.12.2012

PZ-zapp: "Tatort"-Doppelfolge über den Hannover Filz

Und weiter geht es in PZ-zapp mit dem Hannover Filz aus skrupellosen Emporkömmlingen aus der Wirtschaft, schamlosen Selbstbedienungskarrieristen aus der Politik und kriminellen Rockern. Nein, die Rede ist hier nicht von einer Folge jener leider aussterbenden öffentlich-rechtlichen Politikmagazine oder reißerischen Enthüllungsshows im Privat-TV. Die sollen doch zeigen, wie es wirklich hinter den Kulissen der bundesdeutschen Realität zugeht. Und was da am Sonntagabend im „Tatort“ über das Leben der Lichtgestalten in Hannover gezeigt wurde, ist doch alles meilenweit von der Realität entfernt. Oder? Hoffentlich!

Umfrage

"Tatort"-Thema und Jauch-Diskussion: Soll die Prostitution in Deutschland verboten werden?

Ja 23%
Nein 65%
Mir egal 12%
Stimmen gesamt 501

Denn wenn Politik so funktioniert, dann: „Gute Nacht, Deutschland“. Nein, das darf einfach nicht sein. Im echten Hannover lief alles gesittet ab. Da genießt der im Sexgeschäft aktive Frank Hanebuth, oberster Hells Angels in Deutschland, die gesellschaftliche Akzeptanz, weil er für Ruhe und Ordnung steht. Bis die wüsten Kerle von der GSG9 seinen Hund erschießen. Da sonnen sich Selfmademillionäre im Glanz der großen Politik, und Monstranzen der hehren Moral vor sich her tragende Vorzeige-Politiker lassen sich von den uneigennützig spendablen Neureichen unter die Arme greifen. Aber ist doch alles normal unter guten Freunden. Wozu hat man denn seine Amigos?

In der „Tatort“-Doppelfolge wird diese Kumpelwirtschaft in Verbindung mit perversen Sexpartys für Strippenzieher und Entscheidungsträger, mit brutaler Zwangsprostitution und Mord gebracht. Zu utopisch! Die großen deutschen Versicherungen, zum Beispiel, karren ihre notgeilen Policenjäger doch zu solchen Events immer ins Ausland. Hannover klingt irgendwie so lustfeindlich.

Und welcher deutsche Lenker von staatstragenden Parteien lässt sich schon für die Änderung eines Gesetzes kaufen, nur weil er mal in nettem Ambiente mit netter Begleitung die Hose herunterlassen darf? Unsere Parteien bedienen ihre Klientel mit diversen Gesetzen und Mehrwertsteuergeschenken doch freiwillig. Höchstens einmal gegen Ausstellung einer Spendenquittung.

Also ganz schön utopisch, dieser zweite Teil der „Tatort“-Doppelfolge mit Maria Furtwängler als einsamer LKA-Wölfin Charlotte Lindholm? Nach „Wegwerfmädchen“, in dem der Mörder einer Zwangsprostituierten gesucht wurde, ging es in „Das goldene Band“ um die Suche nach den Hintermännern und letztlich wahren Mördern. Obwohl ich kein Fan von Mehrteilern bin und Filme in epischer Breite kurzerhand meide, wollte ich mir das Ende nicht entgehen lassen.

Dass die LKA-Ermittlerin mal eben so ohne offiziellen Auftrag nach Weißrussland fährt und den Vater, der seine Tochter bewusst an Menschenhändler verkauft hat, zu einer übermenschlichen Heldentat verleitet und dieser dann von einem korrupten weißrussischen Polizisten erschossen wird, ist so viel Märchen, dass man sich die Gebrüder Grimm als „Tatort“-Drehbuchautoren wünscht. Zumal der Lindholm-Liebhaber genau im richtigen Moment auf dem Speicher im weißrussischen Nirgendwo mit einem Metallrohr auftaucht, den Killer-Polizisten niederschlägt und noch sein in Deutschland gestohlenes Laptop mit allen unberührten Dateien findet. Das war viel zu dick aufgetragen.

Charlotte Lindholm muss nicht gleich die ganze Welt retten. Nur Mörder entlarven. Trotzdem war der „Tatort“ spannend. Vor allem die vielen Parallelen zwischen Fernseh-Hannover und realer Niedersachsen-Metropole. Das hat Spaß gemacht.

Ganz anders als der Polit-Talk von Günther Jauch nach der „Tatort“-Folge. Auch da ging es um Zwangsprostitution. Das Beste war noch die Auseinandersetzung zwischen der Emanzipationslegende Alice Schwarzer und der Grünen-Vorzeigepolitikerin Renate Künast. Schwarzer, kampflustig wie einst, warf Künast vor, mit der von Rot-Grün in die Wege geleiteten Legalisierung der Prostitution Deutschland zum größten Bordellbetrieb Europas gemacht zu haben. Ohne die Zwangsprostitution zu beenden. Künast geriet in große Erklärungsnot. „Wir müssen uns nicht duzen“, drohte sie in Richtung Schwarzer, doch die war so mit Reden beschäftigt, dass sie das geflissentlich ignorierte.

Was bei Jauch jedoch nachdenklich stimmte, waren die Umfragezahlen. Seit der Legalisierung der Prostitution gibt es deutlich mehr Huren in Deutschland. Und die Deutschen scheinen das älteste Gewerbe der Welt zu schätzen: Auf die Frage, ob die Prostitution in Deutschland verboten werden sollte, antworteten nur 17% mit „Ja“. 78% wählten „Nein“. In den skandinavischen Ländern, wo das Verbot existiert, ist die große Mehrheit für das Verbot.

Ob das Legalisierungsgesetz vor elf Jahren in Hannover geplant wurde? Frau Lindholm, ermitteln sie!