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09.02.2015

PZ-zapp: Ungewohnt lockerer Bodensee-"Tatort" für Bildungsbürger

Da schreibt man mit schöner Regelmäßigkeit, dass der Bodensee-„Tatort“ doch eher betulich bis langweilig anmutet und dann so kurz vor Schluss der SWR-Krimireihe vom schwäbischen Meer überfällt einem doch so etwas wie die Milde des Alters. Der "Tatort: Château Mort" aus Konstanz war zwar kein fesselnder Thriller, aber doch ein netter Sonntagabendkrimi für den Bildungsbürger, der schon einmal etwas von Märzrevolution und Annette von Droste-Hülshoff gehört hat.

In Baden nahm die Deutsche Revolution von 1848/49 ihren Anfang. Das wissen die „Tatort“-Ermittler noch aus ihrer Schulzeit. Barrikaden gehörten dazu, Gefechte zwischen freiheitsliebenden, aufgeklärten Bürgern und den Armeen der Landesherren. Und scheinbar auch unerfüllte Liebesgeschichten von reifen Dichterinnen, die sich teuren Hochzeitswein aus Frankreich kommen lassen, ohne in den Bürgerkriegswirren heiraten oder gar den Wein in Empfang nehmen zu können. Schade um den schönen Tropfen, der sich im zugemauerten Keller eines ehemaligen Weinhändlers langsam aus den Flaschen verflüchtigt. Neben der mumifizierten Leiche jenes Revolutionärs, den die Dichterin von Droste Hülshoff heiraten wollte, der aber eigentlich – auch das gab es damals schon – den Revolutionär Friedrich Hecker liebte und inmitten kompletter Dunkelheit in Schönschrift und in regelmäßigen Zeilen die Wände seines Verlieses mit einem schwulen Liebesbekenntnis beschrieb. Alles klar so weit?

Der „Tatort“ als historischer Kitschroman? Gehen wir einmal davon aus, dass die Autoren diese Parallelhandlung mit einer gewissen Ironie eingestreut haben. Das dürfte sich nämlich auf die Kommissare Blum (Eva Mattes) und Perlmann (Sebastian Bezzel) abgefärbt haben, denn die wirken lockerer als sonst, nicht so fade, nicht so blutleer. Die zumeist die ganze Last der Welt auf ihren Schultern tragende Ermittlerin Blum küsst sogar in ungewohnter Entspanntheit ihren feschen Schweizer Kollegen und eidgenössischen Schimanski-Verschnitt Mattheo Lüthi (Roland Koch) auf den Mund, nachdem sie mit ihm eine Weinprobe beim des Weinfälschens verdächtig gewordenen Weinpapst gemacht und das Ausspucken vergessen hat. Selbst Perlmann läuft nicht mehr stocksteif und humorlos durch die Gegend und darf sich dafür im Verlies des eingekerkerten Revolutionärs von anno Tobak mit Wein im Wert eines edlen Sportwagens betrinken. Da hat er aber Glück, dass der Rebensaft nicht schon längst so schmeckt, wie die Revoluzzer-Mumie daneben aussieht.

Doch der alte Mord ist nur Basis für einen modernen Kriminalfall, wie er scheinbar nur in der Schweiz möglich ist. In "Tatort: Château Mort" wird Wein auf Auktionen versteigert – die Flaschen aus dem durch falsche Expertisen gesicherten Dichterinnen-Nachlass wechseln für sechsstellige Summen den Besitzer. Käufer sind jene Deutschen, die noch nicht auf einer teuer an die deutschen Behörden verkauften Steuersünder-CD aufgelistet worden sind, jetzt aber schnell ihr Schwarzgeld abheben und in Sachwerte umparken wollen. Auch da helfen die Schweizer gerne. Der Weinpapst macht gemeinsame Sache mit der Auktionshauschefin, die sich zum Ende hin als gemeine Mörderin entpuppt.

Die Tatwaffe passt zum weinseligen Krimi: Ein mit Druckluftpatronen betriebener Korkenzieher in spritzenähnlicher Form. Ermordet werden die Finder des echten Hochzeitsweins von Annette von Droste-Hülshoff, die mit ihren tatsächlich wertvollen Flaschen den Markt überschwemmen und die scheinbar sicheren Geldanlagen der Steuerflüchtlinge in Nichts aufzulösen drohen.

Übrigens spielt das Pforzheimer Jugendamt in der Geschichte des ersten Mordopfers eine kleine Nebenrolle, weil es dessen frustrierend dringend nach einem Lebenspartner suchende Mutter erwähnt. Mehr Goldstadt tauchte nicht auf, obwohl hier sicher auch etliche Millionäre mit Schwarzgeld in der Schweiz leben.

Diesen Weinkrimi mag man als logisch oder an den Haaren herbeigezogen empfinden, man mag das alles glauben oder nicht, aber es gab schon langweiligere „Tatort“-Krimis vom Bodensee. Ein bisschen mehr von dieser neuen Lockerheit hätte ich mir schon viel früher gewünscht. Jetzt kommt das alles zu spät. 2016 soll das Aus für das Ermittlerduo Blum/Perlmann kommen. Mit zwei, drei Vierteln Rotwein werden wir den Trennungsschmerz überwinden können. Aber den kaufen wir lieber nicht auf einer Schwarzgeld-Auktion. So etwas endet gern mal tödlich.