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TV-Kolumne PZ-zapp

© Marc Dietz
10.09.2012

PZ-zapp: Unheimlicher "Stiller Gast" beim "Tatort"

Ich gebe es zu: Nach solch einem „Tatort“ werde wohl auch ich in den nächsten Tagen bewusst überprüfen, ob auch wirklich die Wohnungstüre abgeschlossen ist. Selbst ein letzter Blick vor dem Schlafengehen in alle Zimmer dürfte in diesen Tagen zum Pflichtprogramm werden. Die Chance, dass ausgerechnet mir ein Spanner auf die Pelle rücken will, ist zwar so hoch wie ein Sechser im Lotto (den hätte ich allerdings liebend gerne), aber der jüngste "Tatort“ geht einem schon sehr nahe. So nahe, wie der Post ausliefernde Psychopath Kai Korthals (Lars Eidinger), seinen Opfern in deren Wohnungen kommt.

„Borowski und der stille Gast" heißt die Kieler „Tatort“-Folge mit dem gestressten, lieber allein lebenden Kommissar Borowski (Axel Milberg) und der an Epilepsie leidenden Ermittlerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Und es ist dieser stille Gast, der einem solches Unbehagen verursacht, dass nach dieser Folge so mancher Zuschauer seine Zahnbürste mit anderen Augen sehen dürfte. Wer weiß, wer da sonst noch alles damit über den Zahnbelag geschrubbt hat. Schließlich ist es dem Postboten Kai gelungen, in jede Wohnung einzusteigen, sich für jede Wohnung Nachschlüssel zu machen, sich mit jeder Zahnbürste seiner Opfer die Zähne zu putzen.

Kein schöner Gedanke abends vor dem Einschlafen. Und Essensreste lässt man besser auch keine herumliegen, wenn nicht jemand anderer daran herumschlecken soll. In meinen Turnschuhen aber könnte der Sonderling ruhig riechen können. Selber schuld. Ein bisschen überzogen wird die Spanner-Geschichte, wenn sich der Psychopath rührend um das kleine Kind einer Heroinsüchtigen kümmert. Fast glaubt man, dass diese hilflose Frau von den mörderischen Beilhieben des Frauenkillers verschont bleibt. Und der Schluss mit dem brennenden Wohnmobil, aus dem Korthals fast seinen zahlreichen Häschern entkommen wäre, und dem leeren Krankenwagen, aus dem er dann tatsächlich geflüchtet ist, erinnert an suboptimale Kopien von Hollywood-Thrillern.

Irgendwie fehlt es mir ein bisschen an der Darstellung der kranken Psyche des Serienmörders. Hintergründe, Abgründe – das bleibt mehr oder minder offen. Packend ist das Eindringen in die Intimsphäre anderer Menschen jedoch allemal. Obwohl man ja vom ersten Augenblick an weiß, wer der Mörder ist. Solche „Tatorte“, in denen man nicht mehr rätseln muss, sind sonst eher nicht so mein Fall. Aber beim „Stillen Gast“ blieb die Spannung trotzdem bis zum Finale bestehen. Jetzt muss ich nur schnell Schluss machen und noch einmal meine Zimmer kontrollieren, bevor ich ins Büro gehe. Aber was mache ich nun bloß mit meiner Zahnbürste?