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TV-Kolumne PZ-zapp

© Marc Dietz
18.03.2013

PZ-zapp: "Unsere Mütter, unsere Väter" - anschalten!

Wer am Sonntag den ersten Teil des schon jetzt hoch zu lobenden ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ gesehen hat, wer die historische Dokumentation danach verfolgt hat, wird wohl nie mehr glauben, dass „man“ nichts davon gewusst habe.

Nicht alle haben Hitler gewählt, nicht alle sind ihm blind gefolgt, aber viele, zu viele haben sich hinreißen lassen, haben ihre Minderwertigkeitskomplexe als Herrenmenschen und SS-Schergen in schneidiger Uniform ausgelebt, haben Menschen aus Gier und blindem Gehorsam verraten und seelenlos getötet. So nah dran am Nazi-Wahn war selten einmal ein Film über die schrecklichsten Jahre deutscher Geschichte.

Ich mag keine Mehrteiler. Einen Teil verpasse ich immer irgendwie. Wenn Geschichten zu lange erzählt werden, werden sie oft langweilig. Für „Unsere Mütter, unsere Väter“ wird das wohl nicht gelten. Ungeachtet dessen, dass ich nicht vorab sagen kann, was noch im Detail kommen wird, so kann ich doch nur jedem empfehlen, am Montag und am Mittwoch gleich wieder das ZDF einzuschalten und die Teile zwei und drei zu sehen. Es kann auf keinem anderen Programm etwas Besseres geben.

Meine Mutter und mein Vater konnten mir nicht viel über das Dritte Reich und den Krieg erzählen. Sie waren 1939 teilweise noch nicht einmal im heutigen Kindergartenalter, zum Kriegsende hin waren sie nach heutigen Maßstäben noch Grundschüler. Da blieb nicht viel in Erinnerung. Nur einen Opa habe ich kennengelernt, und der war als Zahnarzt nicht an der Front. Viel erzählt übers Dritte Reich hat er nicht, wohl weil er sich damit arrangiert hatte. Ich sah ihn auch zu selten, um den passenden Moment zu erwischen. Für alle, die ebenfalls keine auskunftsbereiten Zeitzeugen mehr befragen konnten, ist „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine große Hilfe, um dem nahe zu kommen, was die Menschen damals bewegt hat, was sie dem Größenwahn folgen und ins Verderben führen ließ.

Ganz egal, wie real diese einzelnen Lebensläufe auch sind, ganz egal, wie sehr die Lebensläufe der fünf jungen Deutschen sich noch filmgerecht überschneiden werden, das wirkt so erschreckend echt und nachvollziehbar, dass man die Stimmungen fast nachfühlen kann. Dieser Dreiteiler muss nicht in jedem Detail, in jeder Wendung der einzelnen Geschichten den hehren Ansprüchen von Historikern an Authentizität genügen. Die Szenen stehen für sich und für die Schicksale von Millionen Deutscher.

Lobenswert ist ebenfalls, dass sich hier keine großen Stars mit Oscar-Meriten in den Vordergrund spielen, sondern gute Schauspieler, die als Typ dem Zuschauer noch lange in Erinnerung bleiben werden. Wo war so etwas zuletzt im deutschen Fernsehen zu erleben? Garantiert nicht in den Privatsendern, wo man sich nur mit dumm-dreist den Zuschauer verarschenden Reality-Soaps und öden Oh-my-God-Casting-Shows ins geistige Nirwana glotzen kann.

Manche Situation in „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist zuweilen schwer zu ertragen, manches so grausam, dass man sich fragt, ob das denn wirklich passiert ist. Es ist geschehen. Vor den Augen der Menschen, die sie manchmal lieber geschlossen hielten – aus Furcht vor der gnadenlosen Diktatur und ihren Denunzianten oder aus Scham vor dem, was eine Horde blinder Befehlsempfänger entgegen jeglichem Anstand, jeglicher Menschlichkeit auslebte.

Das ZDF-Meisterstück zeigt uns die Zerrissenheit der Menschen, ihre Zwiespältigkeit zwischen Faszination und Ekel gegenüber dem Nationalsozialismus. Der erste Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet aber auch schon an, dass die fünf jungen Menschen, hineingeworfen in ein Netz aus Schuld und ins große, sinnlose Sterben, scheitern werden. Und wieder wird sich die Frage stellen: Wer war Täter, wer war Opfer?

Alle, so viel ist schon nach dem ersten Teil zu erkennen, werden Schuld auf sich laden. Ob sie diese erkennen, einsehen und eingestehen werden? Das müsste wohl ein vierter, (noch) nicht gedrehter Teil zeigen. Dass das Eingeständnis der Schuld kein automatischer, selbstverständlicher Vorgang ist, erfahren wir heute immer noch. Wenn in Deutschland Parteien mit dem Hass auf alles Fremde, auf alles Andersartige auf Stimmenfang gehen, dann ist das angesichts der Entwicklungen wie sie der ZDF-Dreiteiler zeigt, eigentlich nicht mehr zu dulden.

Und wenn in Pforzheim Neonazis am 23. Februar mit einer an Nazi-Rituale erinnernden Fackelmahnwache einer brennenden Stadt „gedenken“, dann ist das eine abstruse Geschichtsklitterung, die dem Schicksal der Menschen nicht gerecht wird. Dumm ist nur, dass diese armen Verirrten „Unsere Mütter, unsere Väter“ wohl nicht sehen werden. Ihr eindimensionales Weltbild könnte ja ins Wanken geraten. Thomas Kurtz

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