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09.09.2013

PZ-zapp: Videoschnipseljagd in "Tatort: Gegen den Kopf"

Die Geschichte ist bekannt, wird alle paar Wochen mit anderen Tätern und Opfern an anderen Tatorten wiederholt. Aber so wie die tödliche U-Bahn-Schlägerei im Berliner „Tatort: Gegen den Kopf“ erzählt wird und so wie die „Tatort“-Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) ermitteln, wirkt sie doch ungleich bewegender und aufregender als das Stückchen Realität, das wir gemeinhin in solchen Fällen aus den Medien herauslesen können.

Warum prügelt ein junger Mensch einen anderen zu Tode? „Ich weiß es nicht. Einfach so. Es gibt keinen Grund“, antwortet Konstantin Auerbach (Jannik Schümann). Bis zu dieser banalen und gerade deshalb so erschreckenden Aussage nach fast eineinhalb Stunden Filmlänge versucht das Berliner Ermittlerduo Ritter/Stark alles, um ein eindeutiges Motiv und damit die Täter für einen Totschlag in der Berliner U-Bahn zu finden. Die Täter werden geschnappt, das Umfeld wird beleuchtet, aber dieses „Einfach so“-Motiv für den sinnlosen Ausbruch an tödlicher Brutalität zu verstehen, fällt schwer und macht Angst.

Schümann wirkt beim Verhör zum Finale des Films gar nicht wie eine mörderische Bestie. Er scheint zuweilen eher sogar minimal süffisant oder vielleicht doch auch nur unsicher zu lächeln. Kann so ein engelsgesichtiger Jüngling zuschlagen, zutreten, sich am Blut seines Opfers berauschen? Und wenn ja, warum eigentlich? Konstantin Auerbach selbst weiß es nicht. Wir aber wissen, dass solch eine Geschichte, wie sie in „Tatort: Gegen den Kopf“ erzählt wird, nicht das erste Mal in Deutschland passiert ist.

Mindestens genau so aufregend wie der Fall selbst ist die Vorgehensweise der Ermittler. Da müssen akribisch die schlechten Bilder von Überwachungskameras ausgewertet werden. Chaotische Handyfilmchen von ostasiatischen Touristinnen sollen Hinweise bringen. Überall filmen Kameras von Hauswänden oder aus Kinderhänden. Zumindest in Berlin scheint es nicht viele Ecken zu geben, in denen keine Videoaufzeichnungen gemacht werden. Aber wo uns die US-Amerikaner doch sowieso rund um die Uhr ausspionieren und dabei über unsere Verschlüsselungsversuche lachen, fällt das doch nicht mehr ernsthaft ins Gewicht.

Ritter und Stark müssten eigentlich die Augen tränen vor so viel pixeligem Geflimmer. Die Tätersuche wird zur Fleißarbeit und Geduldsprobe, zur Schnitzeljagd und zum Videopuzzle. Und so ganz nebenbei zu einem wirklich guten Krimi jenseits der zuletzt doch etwas nervigen Betroffenheitslethargie der Berliner „Tatort“-Kommissare. In dieser Form dürfen Ritter/Stark hoffentlich bald wieder auf Mörderjagd in der ARD gehen.

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