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© Dietz
29.10.2012

PZ-zapp: Völlig talentfreie "Supertalent"-Suche

Heute einmal nicht „Tatort“, obwohl ja am Sonntag eine neue Folge zu sehen war. Aber ich mag das Münchner Duo Batic und Leitmayr einfach nicht. Ich finde den Miroslav Nemec immer so aufgesetzt, so unwirklich, so irgendwie halt so gar nicht mein Fall. Und wenn die Frau an meiner Seite am Montagmorgen beim Frühstück den Kopf schüttelt und sagt: „Der war so irreal. Das war Mist“, dann freue ich mich über die Bestätigung. Leider habe ich auf diese Frau gehört, als sie gesagt hat: „Schreib doch auch mal über Bohlens Supertalent.“

Gleich vorweg: Das war ein verschwendeter Fernsehabend. Haarscharf an der Beziehungskrise vorbei. Fernsehfolter. Das zeigen die menschenverachtenden Nordkoreaner ihren politischen Gefangenen in den feuchten, unterirdischen Kerkern, um sie mit dieser medialen Gehirnwäsche gefügig oder hirntot zu machen. Vielleicht bin ich einfach zu alt für diesen Unfug. Vielleicht nicht gehässig genug. Vielleicht zu gutmütig und mitleidsvoll. Aber diese Leute-Verarsche und Bloßstellung von Freaks ist pervers.

Pervers auch, weil da drei Leute in einer Talentshow-Jury sitzen, von denen mindestens zwei völlig talentfrei sind. Thomas Gottschalk, schon bei „Wetten, dass...“ nur durch seine Pippi-Langstrumpf-Anzüge und Promi-Busselei aufgefallen, macht nahtlos da weiter, wo er mit seiner öden Feierabendshow in der ARD aufgehört hat: mit betulichem, altväterlichem Getue, mit seinem Ich-verstehe-alle-Menschen-Gedöns und mit dem zielsicheren Umkreisen und Verfehlen von spannenden Fragen und zündenden Pointen.

Doch es kommt noch schlimmer. Die Blonde in der Mitte ist ja wirklich lecker. Ein putziges Ding. Und so ein lustiger Akzent. Aber ich habe so meine Zweifel, ob Michelle Hunziker jemals wirklich verstanden hat, was da auf der Bühne passiert. Immerhin: Sie drückt den Buzzer, wenn das die anderen auch machen. Und sie kann schon ganz alleine ohne fremde Hilfe sagen: „Ja, ich sehe das auch so wie der ...“

Bleibt noch Dieter Bohlen. Wenn er nicht singt, ist er das Einschalten wert. Freche Schnauze, blöde Sprüche, aggressive Anmache, scheinbar ehrlich gemeinte Kommentare. Ihm nimmt man das noch ab, dass er eine Ahnung von Talent hat (wenn man sich nicht an seine seichten musikalischen Ausflüge mit „Modern Talking“ erinnert). Dabei geht vieles unter die Gürtellinie, aber es hat wenigstens Show- und Unterhaltungswert.

Letzteres habe ich bei „Das Supertalent“ ein bisschen vermisst. Die Showacts waren zum Teil wirklich gut, spannend, professionell. Die afrikanischen Limbo-Tänzer, das behinderte Joe-Cocker-Reibeisenstimmenwunder, die Mülleimer-Combo – das war gut. Aber reicht das für einen ganzen Fernsehabend?

Am meisten nerven diese ewigen Herz-Schmerz-Geschichten vor dem peinlichen Auftritt zu Ehren von Mama und Papa, zum Gedenken an Oma und Opa und in ewiger Erinnerung an die beste, liebste, schönste und netteste Lehrerin der Grundschule in Hintertupfingen, die immer gesagt hat ... Ohne traurige Lebensgeschichte zwischen tiefster innerlicher Zerrüttung und unheilbarer Krankheit, ohne körperliches, geistiges oder soziales Handicap kann man beim „ Supertalent“ scheinbar nicht antreten.

So wird das Mediengezappel zur zäh dahinfließenden Freakshow, bei der talentfreie Menschen sich öffentlich zum Affen machen dürfen und dann von der Jury auch noch gnadenlos niedergebügelt und an den Pranger gestellt werden. So richtig entlarvend wurde es, als die vollschlanke Akrobatin hoch oben in der Luft an einem Reifen herumturnte. Das war etwas gewöhnungsbedürftig, dass jemand Nicht-Blondes und Nicht-Schlankes all das turnen kann, was man sonst den üblichen Hungerkünstlerinnen zutraut. Aber die füllige Akrobatin konnte überraschen und begeistern. Nicht begeistert hat danach die alberne Diskussion in der Jury, über das, was Talent und Showtalent ist. Dreimal gab es ein Nein für jemand, der so viel Showtalent bewiesen hatte, dass das Publikum heftig applaudierte. Dafür durfte ein Violine spielender Stotterer ein Lob einheimsen, obwohl er zwar störungsfrei, aber schlecht gesungen und nur mies Geige gespielt hat. Aber der hatte halt diese ergreifende Handicap-Geschichte.

Was bleibt in Erinnerung? Die peinliche Powackel-Nummer wohl nicht. Eher schon der Auftritt des Pferdemanns. Da lagen in Sachen Talent der Freak und die Jury auf einer Linie.

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