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TV-Kolumne PZ-zapp

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06.11.2017

PZ-zapp zum "Tatort: Der Fall Holdt": Lindholm-Nabelschau statt Krimirätsel

Natürlich sind wir alle modern und aufgeschlossen, weltmännisch und offen für Neues, für Experimente. Wer will schon Fernsehen in der Kittelschürze, wenn es doch auch richtig aufregend geht. Aber irgendwie gab es zuletzt doch ein bisschen zu viel Experimente am Sonntagabend zu sehen. Sicher, ARD ist jetzt nicht ein anderes Wort für Novum, für Revolution, aber was den „Tatort“-Zuschauern im zweiten Halbjahr zugemutet wurde, war dann doch etwas zu oft unter die Kategorie Fehlgriff einzuordnen. Das gilt auch für den „Tatort: Der Fall Holdt“ mit LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler).

Mal im Ernst: Wer hätte jemals gedacht, dass die blonde Lichtgestalt, Königin der Kultiviertheit und Miss Proper der „Tatort“-Ermittlerinnen auf einem Parkplatz zwischen zwei Autos in der Hocke pinkelt? Passt nicht zur Frau Lindholm und schon gar nicht zur Frau Furtwängler. Aber so ein „Tatort“ muss ja mit vertrauten Sehgewohnheiten und Tabus brechen.

Natürlich wird die Polizeibeamtin von bösen Buben mit dem Handy gefilmt. Dann gibt es ein Handgemenge und die sonst so resolute, dominante Ermittlerin liegt verletzt an Leib und Seele auf dem Boden. Das wird ihr Albtraum, der sie den ganzen Film lang verfolgt.

Was sie da an Ohnmacht und Gewalt erfahren hat, prägt fortan die Ermittlungen in einem Entführungsfall. Gewalt lässt sich nicht einfach abschütteln, schon gar nicht, wenn man sich nicht helfen lassen will. Gewalt erzeugt neue Gewalt, ist im Fall von Ermittlerin Lindholm sogar ansteckend. Das spiegelt sich letztlich auch im Zerfall der Familie der entführten Bankiersgattin. Aber das spielt sich eher im Hintergrund ab.

Charlotte Lindholm steht im Fokus. Sie streitet sich mit einer Kollegin, führt Spurensicherer gnadenlos vor und setzt dann auch dem Ehemann der entführten Frau so hart zu, dass man ihr die Schuld am Selbstmord des mutmaßlichen Bösewichts geben kann. Sie schlägt wild um sich, ohne dabei einfachste Regeln der Polizei- und Verhörarbeit zu berücksichtigen. Das ist durchaus glaubwürdig und eindrucksvoll dargestellt. Diese Verwandlung der sonst so coolen LKA-Vorzeigefrau zur gequälten Seele, die in ihrer Ohnmacht, in ihrer Unfähigkeit, das Erlebte zu kommunizieren und zu verarbeiten, selbst zur aggressiven Gewaltanwenderin wird, prägt den Film. Und dabei wird der Entführungsfall zur Nebensache. Die Lindholm-Nabelschau dominiert den Rest des Krimis.

Kann man ja so machen. Aber dann eben richtig. Dann durchgängig. Stattdessen wird der Entführungsfall zunächst in den Hintergrund gedrängt und dann kurz vor einer möglichen Aufklärung jäh ausgeblendet und beendet. Während man noch auf die große Überraschung wartet, dass es doch nicht der fiese, seinen Hund abgöttisch liebende und etwas gestörte Ehemann war, sondern eine anfangs so ganz en passant eingeführte Nebenfigur, erfährt man in für Senioren mit typischen Sehproblemen kaum lesbarer Schrift auf dem Ausblendungsschwarz, dass zig Polizisten an dem Fall gearbeitet und nichts zur Klärung der Mordtat beigetragen haben. Basta. „Tatort“ fertig.

So ein offener Schluss mag natürlich den Zuschauer zuweilen zum Nachdenken anregen, mag die eigene Fantasie beflügeln, den Handlungsfaden selbst weiterzuspinnen. Im „Tatort: Der Fall Holdt“ markierte das abrupte Finale jedoch eher das Ende einer langen Warterei auf die Auflösung des Falles, die zwar nicht kam, deren Ausbleiben aber auch nicht weiter zum Problem wurde, weil man jetzt endlich einen Grund hatte, zur Fernbedienung zu greifen und die vorangegangenen eineinhalb Stunden zu vergessen.

Die tödlich endende Entführung der Bankiersfrau im „Tatort“ erinnert natürlich an den Fall Maria Bögerl. Die Bankiersgattin wurde 2010 im sonst eher betulich anmutenden Musterländle entführt. Die Übergabe des Lösegelds scheiterte, wenige Wochen danach wird die Leiche der Frau entdeckt. Auch hier begeht der Ehemann Selbstmord. Der Fall ist ungelöst.

Dem „Tatort: Der Fall Holdt“ hätte eine Lösung wahrscheinlich gut getan. So schüttelt man jetzt etwas ratlos den Kopf, zuckt mit den Schultern und wartet sehnsüchtig auf den nächsten „Tatort“, der gerne mal wieder ein ganz altmodisches Mörderrätsel sein darf.

Da gibt es nur eine Wertung: Der PZ-zapp-Daumen zeigt nach unten.