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08.04.2008

Pfiffig, munter und fidel

ten Rummel hat die kleine Eisbärin Flocke ihren ersten öffentlichen Auftritt im Nürnberger Tiergarten mit Bravour bestanden. Ein leises Raunen und Rufe „Oh, wie süß“ erklingen von der Tribüne, als das knapp vier Monate alte Raubtier kurz nach 15 Uhr aus seiner Höhle stapft.

Begleitet von ihren Pflegern erkundet Flocke zunächst ihr neues Zuhause. Die große Schar von mehreren hundert Journalisten und Ehrengästen vor dem Gehege nimmt sie kaum wahr. Sie tollt zwischen Baumstämmen und Felsbrocken herum und spielt mit ihren Pflegern, ehe sie nach etwa 15 Minuten den ersten Sprung in das eiskalte Wasser des Aquaparks wagt und munter herumplanscht.

Bis nach Japan konnten Millionen Menschen das Ereignis live im Fernsehen verfolgen. Flocke-Fans dürfen ihren Liebling von heute an mit eigenen Augen bestaunen. Bis zu 25000 Besucher pro Tag sollen dann im 15-Minuten-Takt am Gehege vorbeigeschleust werden. Schon am Dienstag darf aber ein zweijähriger Junge seinen Liebling mit eigenen Augen sehen. „Flocke spielt Verstecken“, sagt der Knirps strahlend, als die Eisbärin für kurze Zeit hinter den Baumstämmen in ihrem Gehege verschwindet. Die Stadt und ihr Tiergarten wollen die große Sympathie der Menschen nutzen, um Flocke als Botschafterin für Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften zu präsentieren. Tiergartenchef Dag Encke erinnert an die Bedrohung des Lebensraums der Eisbären in freier Natur.

„Der Treibhauseffekt wird den Eisbären buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen“, sagt Encke und mahnt ein Umdenken beim Umgang mit der Natur an. „Die Menschen sollten Flocke nicht als kleinen Teddy ansehen, sondern als Sinnbild verstehen“, fordert der Chef des zweitgrößten Tiergartens Deutschlands. Flockes Pfleger und der Tierarzt Bernhard Neurohr blicken noch einmal zurück auf die dramatischen Ereignisse Anfang Januar. Eisbärin Vera und ihre Artgenossin Vilma sollen ihre Mitte Dezember geborenen Jungtiere eigentlich artgerecht aufziehen. Doch dann frisst Vilma ihre beiden vermutlich kranken Eisbärenbabys. Am 8. Januar reagiert auch Flockes Mutter Vera plötzlich sehr verstört. Sie trägt ihren Nachwuchs aus der Höhle und lässt ihn vor den Augen der entsetzten Pfleger mehrfach auf den harten Steinboden fallen. „Es war kein Spaß, als wir der Mutter ihr Kind wegnehmen mussten“, bekennt Pfleger Harald Hager wenige Stunden vor dem ersten Auftritt seines Schützlings. Flocke wog damals erst 1700 Gramm. Rund um die Uhr haben Hager und seine drei in der Handaufzucht erfahrenen Kollegen das kleine weiße Knäuel seither aufgepäppelt und gepflegt.

Der Deutsche Tierschutzbund kritisierte gestern den Rummel um Flocke und warnte davor, Tierbabys als Besuchermagneten zu missbrauchen. „Die Zooleitung hatte immer betont, keine Flocke-Marketingmaschinerie zu wollen, macht aber jetzt das Gegenteil“, erklärt Verbandspräsident Wolfgang Apel. In Eisbärenkostümen protestieren Tierschützer vor dem Tiergarten gegen die ihrer Ansicht nach „gnadenlose Vermarktung“ von Flocke. Wenige Minuten vor Flockes erstem Auftritt hatten zwei Männer vom Felsen hinter dem Gehege gerufen: „Stoppt die Tierquälerei. Flocke ist kein Superstar. Flocke ist ein Opfer.“ Tiergartenchef Encke zeigt sich von den Protesten und vom Rummevon alldem unbeeindruckt: „Flocke ist kein Mensch, sondern der Spiegel eines Bedürfnisses in uns.“