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Anspruchsvolle Lektüre: Hans-Ulrich Rülkes Doktorarbeit über den Dichter Klopstock. Foto: Klimanski
Anspruchsvolle Lektüre: Hans-Ulrich Rülkes Doktorarbeit über den Dichter Klopstock. Foto: Klimanski
14.09.2018

Pforzheims Politiker und der ganze Rest: Spezialisten in Regierung und Opposition

„Opposition ist Mist“, hat der damalige SPD-Großmeister Franz Müntefering einst seine Neigung zur Regierungsbeteiligung begründet. Man weiß, was das aus der SPD machte. Einen gänzlich anderen Weg beschritt der Pforzheimer FDP-Politiker Hans-Ulrich Rülke, als die Stuttgarter CDU/FDP-Regierung 2011 abgewählt wurde und sowohl die FDP wie auch er als Vorsitzender der kleineren Regierungsfraktion nur hauchdünn dem parlamentarischen Exitus entgingen. Um die Winzigkeit von 314 Stimmen konnte Rülke sein Mandat und seine Politiker-Karriere retten.

Unser Redaktions-Küchenpsychologe behauptet überzeugt, dass damals ein Trauma entstand, Rülke seither ein Aber vor mitgestaltender Politik hat und sein Heil in der Opposition sucht. Fest steht: Er ist ein hochveranlagter Politiker, der viel zu Überleben und Wiederauferstehung der FDP beigetragen hat. Obwohl er als Krittler bekannt ist. „Erhalt und Ordnung einer (...) Bibliothek scheinen für ihn nicht vordringlich zu sein“, monierte Rülke bereits in einer seiner frühesten bekannten Schriften – unter dem Titel „Gottesbild und Poetik bei Klopstock“, seiner Doktorarbeit. Denn Rülke ist von Haus aus Germanist, studiert hat er auch Politik, Geschichte und Soziologie, und bevor er Berufspolitiker wurde, verdiente Rülke sein Geld als Gymnasiallehrer am Hilda-Gymnasium. Dennoch fungierte er als wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion, ihm wird ihm eine Neigung zum Posten des baden-württembergischen Wirtschaftsministers nachgesagt – allerdings ohne dies beweisen zu können. Als er 2016 die Möglichkeit zum Regierungseintritt in ein grün-rot-gelbes Bündnis hatte, zog er es vor, der eigentliche Oppositionsführer zu bleiben. Worin ihm selbst die politische Konkurrenz Talent und Erfolg bescheinigt. Merke: Als Geisteswissenschaftler kann man eine politische Führungskraft werden, die auf harten Politikfeldern punktet. Das alles zum aktuell erhobenen Vorwurf, die auch von Rülke kritisierte einstige Gymnasiallehrerin Sibylle Schüssler sei wegen fehlender Fachlichkeit als Baubürgermeisterin ungeeignet.

Politische Führung – und das fängt auf der Beigeordneten-Ebene an – setzt kein einschlägiges Fachstudium voraus. Horst Seehofer war Gesundheits- und ist jetzt Innenminister, ohne je Arzt oder Polizist gewesen zu sein. Franz-Josef Strauß war ausgebildeter Gymnasiallehrer. Unter den acht Verteidigungsministern der letzten 30 Jahre finden sich nur ein Offizier, aber einschließlich der Amtsinhaberin vier Ungediente. Auch der beliebte und bislang keineswegs gescheiterte Stuttgarter Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist von Haus aus Pädagoge. Der geschätzte frühere Pforzheimer Sozialbürgermeister Hermann Kling, zuvor Gymnasiallehrer, hatte Romanistik, Theologie und Geschichte studiert. Umgekehrt hat man oft genug fachlich gute Spezialisten krachend scheitern sehen, wenn es ums größere Ganze ging.

Soll alles weder im Guten noch im Schlechten was über Sibylle Schüssler sagen, deren Amtsführung nicht frei ist von Fehlern. Aber die Kritik daran aufzuhängen, dass sie keine Bauingenieurin oder Architektin ist – manchmal ist Opposition halt Mist.