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12.05.2017

Polit-Protest auf der Pop-Bühne beim ESC

Eigentlich sollte alles unpolitisch sein. Der Eurovision Song Contest von Kiew hat das unverfängliche Motto „Vielfalt feiern“. Doch der Ukraine-Krieg vor der Tür wirft Schatten auf die große Party. Die PZ erinnert an politische Skandale beim ESC.

Sie singt stattdessen in Sewastopol, auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Das hat eine trotzige Symbolkraft. Der Gastgeber Ukraine hat Russlands Kandidatin die Einreise zum ESC 2017 mit der Begründung verwehrt, dass sie 2015 auf der Krim aufgetreten ist. Die Ukraine sieht sich von Moskaus Entscheidung für Samoilowa provoziert.

Dabei sind die Statuten der Veranstalter eigentlich eindeutig: Alles ist rein unpolitisch, heißt es im Regelwerk der Europäischen Rundfunkunion EBU. „Kein Lied, kein Auftritt darf den ESC oder die EBU in Misskredit bringen“, heißt es. Politische Botschaften oder offene Streitereien zwischen Ländern sind verboten. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Wettbewerb ist seit längerem eine Front für Animositäten und Konflikte. Die seit drei Jahren verfeindeten Nachbarn Ukraine und Russland tragen ihre Spannungen auch auf der Showbühne aus. Die EBU konnte diese Eskalation nicht verhindern.

Immer wieder war Russland, seit 1994 regelmäßig bei dem Event unter den Top 10 erfolgreich, im ESC wegen politischer Querelen mit anderen Ländern aufgefallen. 2009, wenige Monate nach der Georgien-Krise, hatte die EBU Tiflis untersagt, mit dem provokanten Titel „We Don’t Want To Put In“ teilzunehmen. War das Lied gegen Kremlchef Wladimir Putin gerichtet gewesen?

2014, im Jahr der Krim-Krise, wurden russische Sängerinnen während ihrer Performance ausgebuht. 2015 wurde die russische Favoritin Polina Gagarina vor Millionenpublikum bei der Punktevergabe mit Pfiffen und Buhrufen überhäuft. 2016 siegte dann die Krimtatarin Jamala mit dem umstrittenen Lied „1944“, das die Verbannungsgeschichte ihres Volkes erzählt. Russland, in letzter Minute von der Ukraine auf Platz drei verwiesen, war erbost. Sogar der Kreml und das russische Außenministerium witterten politische Motive hinter der Entscheidung.

Beobachter sind sich sicher, dass Moskau mit der im Rollstuhl sitzenden Sängerin Julia Samoilowa ein abermaliges Buhkonzert verhindern wollte. Doch im Moment der Anmeldung zum diesjährigen Wettbewerb (Motto „Vielfalt feiern“) gab es das Veto aus Kiew.

Auch der Blick in die Vergangenheit zeigt: Obwohl politische Statements etwa auf T-Shirts, durch Gesten oder in Songtexten verboten sind, ist der Eurovision Song Contest eine hochbrisante Veranstaltung. Vor allem in jüngster Zeit vergeht kaum ein Jahr ohne versteckte oder offene Botschaften:

STOCKHOLM, 2016: Mit ihrem dramatischen Titel „1944“ gewinnt die Ukrainerin Jamala. Darin erzählt sie von der Vertreibung der Krimtataren in der Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Rund zwei Jahre vor dem Grand Prix hatte sich Russland die ukrainische Halbinsel Krim ins Staatsgebiet einverleibt, was zu Spannungen zwischen den Staaten führte. Die Jurys beider Länder geben an den Teilnehmer des jeweils anderen keinen Punkt, die Zuschauer allerdings verteilen zweistellige Punktzahlen.

WIEN, 2015: Das armenische Musikprojekt Genealogy erinnert zum 100. Jahrestag mit seinem Lied „Don’t Deny“ („Verleugne nicht“) an den Völkermord an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich. Der Titel wird zwar nach dem Einspruch der Jury in „Face The Shadow“ („Stell Dich dem Schatten“) geändert, der Text bleibt aber gleich. Die Band landet im Mittelfeld auf Platz 16.

MALMÖ, 2013: Nicht allein mit ihrem Text, sondern auch mit der Performance sorgt die Finnin Krista Siegfrids für Aufsehen: Am Ende ihres Liedes „Marry Me“ („Heirate Mich“) küsst sie eine ihrer Background-Tänzerinnen und protestiert damit gegen das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in ihrer Heimat. Der Song erreicht im Finale nur den drittletzten Platz.

BAKU, 2012: Im autoritär geführten Aserbaidschan macht einmal nicht ein Teilnehmer, sondern ein Jury-Mitglied von sich reden. Bei der Punktevergabe findet die deutsche Komikerin Anke Engelke klare, aber freundliche Worte an die Menschen und die Regierung des Landes: „Es ist gut, abzustimmen, und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf eurer Reise, Aserbaidschan. Europa schaut auf euch“, sagt sie vor den vielen Millionen TV-Zuschauern auf Englisch.

HELSINKI, 2007: Israel schickt die Polka-Klezmer-Rap-Nummer „Push The Button“ nach Finnland. Die Teapacks warnen darin vor „verrückten Führern“ und deren „Druck auf den Knopf“. Einige Textzeilen sind an den damaligen iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad gerichtet, der ein Atombombenprojekt verfolgte und immer wieder mit der Vernichtung Israels drohte. Die Teapacks scheitern in der Quali.

BIRMINGHAM, 1998: Bereits die Wahl der transsexuellen Dana International als Vertreterin ihres Landes bringt ultra-orthodoxe Juden in Israel auf die Palme. Als Botschafterin einer weltoffenen Gesellschaft holt sie allerdings mit ihrer Discohymne „Diva“ den Titel und wird zur Galionsfigur der Trans-Bewegung. 16 Jahre später wird wieder eine Kandidatin mit ihrer Botschaft von Toleranz und Respekt gewinnen: Mit „Rise Like A Phoenix“ setzt die Dragqueen mit Bart, Conchita Wurst, aus Österreich erneut die Frage nach Geschlecht und Identität in Kopenhagen auf die Agenda.