nach oben
Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung (vorn) steht vor dem Amtsgericht in Dachau. Fast 10 Monate nach dem Mord an einem Staatsanwalt in Dachau und nach wochenlangem Streit um die Gesundheit des Angeklagten soll es am kommenden Montag zum Prozess in München kommen.  
mord im gerichtssaal in dachau © dpa
31.10.2012

Prozess-Start: Staatsanwalt im Gericht erschossen - Beine von Täter im Knast amputiert

Der unfassbare Mord geschieht inmitten einer Gerichtsverhandlung um einen Bagatellfall. Der Richter begründet gerade, warum er einen Spediteur wegen nicht bezahlter Sozialversicherungsbeiträge zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt hat. Plötzlich zieht dieser Angeklagte eine Pistole und zielt auf die Richterbank. Drei Schüsse gehen ins Leere. Danach feuert er drei weitere Male auf den Staatsanwalt. Der 31-Jährige - jung verheiratet - stirbt eine Stunde später im Krankenhaus, während der Schütze vernommen wird. Das war im Januar dieses Jahres.

Am Montag (5. November) beginnt der Prozess gegen den 55-Jährigen. Es wird kein gewöhnlicher Mordprozess werden. Die Wachtmeister werden einen von schwerer Krankheit gezeichneten Mann im Rollstuhl in den Münchner Schwurgerichtssaal fahren. Dem an Diabetes leidenden Angeklagten wurden in der Untersuchungshaft beide Beine abgenommen. Die zweite Amputation vor eineinhalb Wochen führte zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen Verteidiger und Justiz. Denn sie erfolgte nur einen Tag, nachdem der Mann für verhandlungsunfähig erklärt worden, und der für 23. Oktober geplante Prozessbeginn damit geplatzt war.

Anwalt Maximilian Kaiser warf dem Justizministerium in München vor, seinen Mandanten gesetzeswidrig zu der Operation überredet zu haben. Er witterte «kriminelle Machenschaften» und stellte einen Strafantrag wegen gefährlicher Körperverletzung in den Raum. Auch der bundesweit renommierte Münchner Medizinrechtler Wolfgang Putz sprach von fragwürdigen Methoden bei der Zustimmung des Angeklagten zu der Amputation. «Der freie Wille war womöglich durch Morphine beeinträchtigt», sagt Putz.

Tatsache ist, dass der 55-Jährige zu dem Zeitpunkt bereits an einer fortgeschrittenen Blutvergiftung litt und die Nahrungsaufnahme verweigerte. Seine Schmerzen wurden durch Morphium gelindert. Nach Angaben seines Anwalts hat der ledige Spediteur mehrfach versichert, lebensverlängernde Maßnahmen abzulehnen. Kaiser: «Er hat mit seinem Leben abgeschlossen.» Es schien zumindest zeitweise, als wolle sich der mutmaßliche Mörder noch vor Prozessbeginn selbst richten.

Bayerns Justizministerium geriet in die Schusslinie. Es habe «keinerlei Druck vonseiten der Justiz» bei der Zustimmung zu der Operation gegeben, hieß es aus dem Haus von Ministerin Beate Merk (CSU).

Das Gericht kam bei einer neuen Anhörung am 23. Oktober zu dem Ergebnis, dass der Angeklagte - entgegen der Einschätzung noch wenige Tage zuvor - nun doch verhandlungsfähig sei. Die Amputation des zweiten Beines - wie auch immer sie zustande gekommen sein mag - hatte also tatsächlich die Wende gebracht. Der 55-Jährige habe dem Gericht versichert, dass er am Prozess teilnehmen wolle, sagte eine Sprecherin.

Wenn sich der Gesundheitszustand des mutmaßlichen Mörders in den nächsten Tagen nicht mehr wesentlich verschlechtert, wird also am Montag einem schwer kranken Mann die Anklage verlesen. Sie lautet auf Mord und dreifachen versuchten Mord. Die Beweislage ist erdrückend. Es gibt mehrere Zeugen für die tödlichen Schüsse. Einer von ihnen ist jener Dachauer Richter, auf den es der Schütze ebenfalls abgesehen hatte. Die Familie des erschossenen Staatsanwalts will im Prozess als Nebenklägerin auftreten.