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Nach einem schweren Verkehrsunfall im nördlichen Bremen liegt das verunglückte Fahrzeug am 19.07.2015 neben einem Baum auf der Seite. © dpa
20.07.2015

Rasen in der Innenstadt - Straßenrennen mit Todesfolge

Bremen (dpa) - Auf deutschen Straßen wird schnell, oft viel zu schnell gefahren. 100 oder 150 Stundenkilometer in geschlossener Ortschaft - die Polizeiarchive sind voll von derartigen Negativ-Rekorden. Sitzen dann noch Möchtegern-Rennfahrer hinterm Steuer, die sich mit Gleichgesinnten messen wollen, kann es lebensgefährlich werden, auch und gerade für völlig Unbeteiligte. Bielefeld, Köln und jetzt auch Bremen sind traurige Beispiele dafür.

Bildergalerie: 52-Jährige stirbt bei Unfall wegen illegalen Straßenrennens

«Das ist eine organisierte Form», sagt der Frankfurter Verkehrssoziologe Alfred Fuhr, der die Szene der illegalen Straßenrennen eine Weile aus der Nähe beobachtete. Was sind das für Menschen, die oft ohne Rücksicht auf Verluste aufs Gas drücken? «Man hat es nicht mit Asozialen zu tun, sondern mit Spezialisten, die eine gewisse Begeisterung haben für Autos und Motoren, aber auch für das Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei und den Ordnungskräften», versucht Fuhr eine Erklärung.

Köln hat da einen traurigen Ruf. Drei Unbeteiligte sind in den vergangenen Monaten in der Stadt am Rhein durch illegale Autorennen ums Leben gekommen - das ist beispiellos in Deutschland. «Bremen hatte bislang keine Szene für illegale Rennen. Das Phänomen gibt es hier eigentlich nicht», wundert sich die Sprecherin des Bremer Innensenators, Rose Gerdts-Schiffler. «Ob es (doch) eine solche gibt, das müssen die Ermittlungen zeigen.»

Die konzentrieren sich im Moment auf einen tragischen Unfall am Wochenende. Der Ablauf: Zwei Raser liefern sich auf einer Straße in einer Wohngegend ein Rennen, fahren parallel auf beiden Fahrspuren, ignorieren die verzweifelten Lichthupensignale einer 52-Jährigen, die ihnen mit ihrem Auto entgegenkommt. Die Frau sieht keine anderen Ausweg als auszuweichen. Sie prallt gegen einen Baum, dann gegen den Betonpfeiler einer Laterne. Sie stirbt am Unfallort. Ihr Beifahrer wird verletzt.

Auch Osnabrück war viele Jahre lang Treffpunkt für junge Autotuner und Schauplatz illegaler Autorennen. 2002 hatte die deutsche Rennszene die Stadt als Treffpunkt erkoren und mit dem «Car-Freitag» ihre Saison eingeleitet. Doch die Zeiten sind vorbei. Dank massiven Polizeieinsatzes sei es gelungen, diese Rennen aus der Stadt zu vertreiben, sagt Polizeisprecherin Mareike Kocar. Auf der Pagenstecherstraße - einer langen, geraden Ausfallstraße von der Stadtmitte in Richtung Autobahn - machte die Polizei den Rasern das Leben schwer.

Dabei scheint die Zeit des Autos-Tunens doch eigentlich vorbei und irgendwie als Relikt der 1970er Jahre. Damals waren Heckspoiler und schneller gemachte Motoren angesagt. Doch andererseits ist die Autonation Deutschland immer noch bekannt als das Land mit Autobahnstrecken ohne Tempolimits. Und die PS-Szene ist auch immer noch wichtig in der Imagepflege der deutschen Autobauer.

Längst hat auch Hollywood die Faszination PS erkannt. In «The Fast and the Furious» zeigte eine ganze Filmreihe den Protagonisten Paul Walker auf der Leinwand. Er starb 2013 ausgerechnet in einem Porsche, dem vielleicht deutschesten Symbol der PS-Liebe. Dem Polizeibericht zufolge war der Unglückswagen bis zu 149 Stundenkilometer schnell gefahren. Damit war der schwäbische Sportwagen doppelt so schnell unterwegs wie am Unfallort im kalifornischen Santa Clarita erlaubt.