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28.03.2008

„Rassismus sitzt in unserer DNA“

Am 4. April 1968 geschah in Memphis das Unfassbare: Friedensnobelpreisträger Martin Luther King wurde Opfer eines Attentats. 40 Jahre nach dem Mord ist „Change“, die schon von King gestellte Forderung nach einer gerechten Veränderung der amerikanischen Gesellschaft, zentrales Thema der US-Vorwahlen. PZ-Mitarbeiter Robin Daniel Frommer sprach in Memphis mit Fred L. Davis, einem Zeitzeugen der turbulenten Ereignisse von 1968 und ehemaligen Stadtrat von Memphis über das Attentat, dessen Drahtzieher sowie über die Chancen der erneut angemahnten Veränderungen und die Bedeutung von Martin Luther King.

Pforzheimer Zeitung: Mr. Davis, kurz vor seiner Ermordung hielt
Martin Luther King im Mason Tempel von Memphis seine beeindruckende Rede „I've been to the mountaintop“. Er hielt der afroamerikanischen Gemeinde ihr wirtschaftliches Potenzial vor Augen und forderte zu zivilem Ungehorsam auf. In der gleichen Rede verlieh er auch seiner Todesahnung Ausdruck. Wie kam
es dazu?
Fred L. Davis: Eigentlich hatte Dr. King das Hotel gar nicht mehr verlassen wollen. Er war erschöpft. Da war so viel Hass. Er wusste, seine Widersacher waren wild entschlossen, ihn auszulöschen. Egal wo. Er hielt die Rede ohne Manuskript. Was heute kaum noch bekannt ist: Unter den Zuhörern war auch Stokley Carmichael, der anschließend selbst eine aufrüttelnde Black Power-Rede hielt und Dr. King dazu aufforderte, alles Notwendige zu tun.

PZ: Knapp 24 Stunden später wurde King ermordet – mit einem einzigen Schuss aus schwierigem Winkel und relativ großer Entfernung. Des Verbrechens für schuldig befunden wurde der in London gefasste James Earl Ray, der sein Geständnis später jedoch widerrief und sich bis zu seinem Tod 1998 selbst als eine Art „Bauernopfer“ eines angeblich von langer Hand geplanten Mordkomplotts darstellte.
Davis: Vieles deutet darauf hin, das die Fäden bei Hoover zusammenlaufen. (Anm. d. Red.: John Edgar Hoover (1895-1972) war 48 Jahre, beziehungsweise während der Amtszeiten von acht unterschiedlichen US-Präsidenten Chef des FBI.)

PZ: Wie beschreiben Sie heute Martin Luther Kings Effekt auf die Vereinigten Staaten?
Davis: Ein Stück Papier liegt auf dem Boden. Ein Frachtzug braust vorüber und wirbelt das Papier in die Höhe. Dann fällt es an die Stelle zurück, wo es zuvor lag.

PZ: Hat sich in den vergangenen 40 Jahren tatsächlich so wenig in den Staaten verändert?
Davis: Nun, vor 40 Jahren waren wir sehr damit beschäftigt, Veränderungen voranzutreiben. Aber gerade die jungen weißen Yuppie-Kids, die damals ach so offen und fortschrittlich waren, sind inzwischen als konservative Politiker und Geschäftsleute die Führungselite der „Roten Staaten“ . . .

PZ: . . . also der mehrheitlich republikanische Staaten.
Davis: Genau. Amerika handelt von Rassismus – schlicht und ergreifend. Rassismus sitzt in unserer DNA.

PZ: Aber war es nicht dem Engagement von Martin Luther King zu verdanken, dass die tiefen Gräben der Rassentrennung zugeschüttet wurden?
Davis: Dr. Martin Luther King war und ist ein Idol – aber, glauben Sie mir, man braucht nach wie vor ein ganzes Leben, um zu lernen, wie man mit dieser Hautfarbe in Amerika leben kann.

PZ: King war im Rahmen seiner „Kampagne der Armen“ nach Memphis gekommen. Er wollte den Sprachlosen eine Stimme geben und die Mächtigen der USA mit der Armut im eigenen Land konfrontieren. Gab es seit 1968 denn keine Verringerung der sozialen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß?
Davis: Die Ungerechtigkeiten wurden gerade so weit beschwichtigt, dass sie nicht zu Aggressionen führten. In den Vereinigten Staaten ist die Art und Weise, in der Rassendiskriminierung praktiziert wird, perfektioniert worden. Wir haben hier Raubtiere mit Macht; nicht Menschen mit Macht. Raubtiere. Und die sind noch nicht verjagt worden.

PZ: Aber selbst in der Bush-Administration schafft es ein Farbige doch inzwischen bis zur US-Außenministerin.
Davis: Condoleezza Rice ist nur Teil eines Management-Systems.

PZ: Würde denn ein Wahlsieg von Barack Obama das Land in dieser Hinsicht verändern?
Davis: Alleine ein anderer Präsident wird Amerika nicht von Grund auf verändern können. Die Besitzer und die Geschäftsführer des Landes bleiben die gleichen. Der Präsident ist nicht der Besitzer der USA. So lange sich die Besitzverhältnisse nicht ändern, so lange bleibt ein substanzieller Wandel unmöglich.