nach oben
10.12.2010

Razzien: Rockergruppe Hells Angels unter Druck

Hessische Polizisten stehen im Verdacht, interne Informationen an die Hells Angels verkauft zu haben. Bei einer Großrazzia gegen die Rockergruppe wurden am Freitagmorgen auch Wohnungen und Arbeitsplätze von Beamten durchsucht. Bereits vor drei Wochen wurden bei einer Razzia in Worms und Mannheim zwei Hells Angels aus Mannheim festgenommen, die wegen schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft sitzen. Sie sollen eine Bikerparty gesprengt und andere Rocker verletzt haben. Vor zwei Wochen gab es eine Massenschlägerei mit Schusswaffengebrauch in Pforzheim, bei dem Hells Angels Mitglieder der Türsteher-Clique United Tribuns überfallen haben. Die Innenministerkonferenz spricht sich für ein Verbot von Rockergruppen aus.

Bildergalerie: Rockergruppen gehen mit Waffen aufeinander los

Grund der jüngsten Razzia: Ein hochrangiger Beamter des hessischen Landeskriminalamts mit Führungsfunktion in einer Ermittlungsabteilung soll interne Informationen an die Hells Angels verkauft haben. Fünf Polizisten wurden bereits vom Dienst suspendiert.

Bildergalerie: Schlägerei zwischen Rockern fordert mehrere Verletzte Teil 2

Bereits am Donnerstag sei eine Beamtin des Frankfurter Polizeipräsidiums festgenommen und noch in der Nacht vernommen worden, sagte ein Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft. Sie habe zugegeben, mit Drogen gehandelt zu haben. Polizeiinformationen habe die 34-Jährige aber nicht weitergegeben. Ein 51 Jahre alter Kollege steht aber im Verdacht, von ihr Betäubungsmittel und geringen Mengen bezogen haben. Zwei weitere Beamte eines Frankfurter Reviers werden verdächtigt, Informationen an die Hells Angels verkauft und ebenfalls gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen zu haben.

Bildergalerie: Schlägerei zwischen Rockern fordert mehrere Verletzte Teil 1

Vor mehreren Monaten hatten Polizei und Staatsanwaltschaft Hinweise bekommen, dass die Hells Angels im Rhein-Main-Gebiet gezielt versuchen würden, Kontakte zu Beamten herzustellen und für ihre Zwecke zu nutzen. Die Weitergabe von Informationen kann mit einer Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

Zwei Hells Angels aus Mannheim sitzen wegen schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft. Die beiden Männer, die am Mittwoch in Worms und Mannheim während einer großen Razzia festgenommen worden waren, hätten sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert, teilte die Staatsanwaltschaft in Darmstadt am Donnerstag mit.

Etwa 50 Wohnungen, Bordelle, Clubhäuser und Büros verschiedener Rockergruppen in vier Bundesländern waren am frühen Mittwochmorgen in einer konzertierten Aktion durchsucht worden, Schwerpunkt war Südhessen. Die beiden Beschuldigten sollen im Juni mit etwa 50 anderen Mitgliedern der HellsAngels eine Bikerparty der Black Souls im südhessischen Roßdorf gesprengt und die Feiernden brutal verprügelt und ausgeraubt haben. Der Überfall dauerte nur zehn Minuten. Mehrere Rocker mussten danach im Krankenhaus behandelt werden. Ein 48-Jähriger aus Darmstadt leidet noch immer an Augenproblemen.

Die Hells Angel sind seit längerem im Visier der Polizei. Im März war ein SEK-Beamter im rheinland-pfälzischen Anhausen von einem 44 Jahre alten Rocker erschossen worden. Dieser steht wegen Mordes und Erpressung vor Gericht. Im Vorjahr hatten Anhänger der Hells Angels im Donnersbergkreis einen führenden Kopf der konkurrierenden Outlaws getötet.

Es wird auch ungemütlich für die Hells Angels in Hannovers Amüsierviertel. Polizei und Zoll nehmen die selbst ernannten Wächter der Partymeile so hartnäckig unter die Lupe wie noch niemals zuvor. Vermummte Beamte rücken regelmäßig zu Großrazzien an oder unterstützen den Zoll bei nächtlichen Kontrollen wegen Schwarzarbeit. Die Polizei hat eine neue Strategie im Umgang mit den Hells Angels, die einen Großteil des Rotlichtviertels am Steintor mit Clubs, Bordellen, Stripbars, und Kneipen kontrolliert.

Schwer bewaffnet gingen vor zwei Wochen zwei Rockergruppen in Pforzheim aufeinander los. Wer dabei einen Schuss abgegeben hat, wer einem Kontrahenten ein Messer in den Bauch gestoßen hat, ist immer noch unklar. Kein Wunder: Die Schläger von Hells Angels und United Tribuns schweigen eisern.

Vor allem die Hells Angels sorgen mit Straftaten immer wieder für Schlagzeilen. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann forderte ein bundesweites Verbot von Rockerclubs. Dies sei die beste Lösung gegen die zunehmende Gewalt der Gruppierungen, sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Die Innenministerkonferenz habe bereits im Mai Bundesinnenminister Thomas de Maizière gebeten, ein solches Verbot zu prüfen.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes weiten deutsche Rockerbanden ihre kriminellen Aktivitäten ins Ausland aus. «Wir erleben eine Expansion der Rockergruppen über die Grenzen Deutschlands hinaus, vor allem nach Südosteuropa, in die Türkei und nach Albanien», sagte der Vize-Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jürgen Stock, der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Sie seien dort etwa beim Schmuggel von Drogen, aber auch mit Erpressungen und Menschenhandel aktiv.

Das Bundeskriminalamt geht von etwa 90 kriminellen Rockerbanden in Deutschland aus. Gegen etwa 880 Verdächtige der Rockerszene ermittelten die Behörden im vergangenen Jahr, vor allem wegen Körperverletzungen, Erpressungen und Bedrohungen. Auch drei Tötungsdelikte aus der Szene wurden 2009 registriert. dpa

Leserkommentare (0)