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18.07.2012

Schlachtung am Fließband bei Wiesenhof: 160 000 Hühner pro Tag

Reih an Reih hängen die toten Hühner an den Haken. Große Förderbänder an der Decke bringen die nackten Körper durch die Hallen. Und Kontrolleure in blau-weißer Schutzkleidung sortieren Tiere mit Tumoren oder anderen Krankheiten aus. Der Blick in den Geflügelschlachthof Möckern bei Magdeburg regt nicht den Appetit auf ein knuspriges Brathähnchen an.

Bildergalerie: Geflügelfabrik von Wiesenhof: Täglich 160.000 Schlachtungen

Mitarbeiterinnen der Wiesenhof-Geflügel GmbH in Möckern (Jerichower Land) packen am Mittwoch Beutel mit Innereien in Brathähnchen.

Tierschützer kritisieren ohnehin die Massentierhaltung. Doch der Geflügelproduzent Wiesenhof, der seine Zentrale im niedersächsischen Visbek hat und nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland ist ist, lud Medienvertreter zur Werksbesichtigung ein - man will Vertrauen schaffen.

Hildegard Bublik packt gerade Innereien in kleine Kisten. «Ich bin froh, dass ich hier arbeiten kann», sagt die 59-Jährige, die noch zu DDR-Zeiten 1988 in der Geflügelverarbeitung einen Job gefunden hatte. Die Medienberichte über Hygienemängel im Betrieb hätten dem Unternehmen geschadet. «Das war nicht gut für uns. Ich hoffe, dass hier alles weitergeht.»

Nebenan baumeln Hühner an Transportbändern an der Decke, eine Maschine schneidet die Flügel ab. «Ratsch, Ratsch» - im Lärm der Transportrollen geht der maschinelle Schnitt fast unter. Ein 37-Jähriger stellt eine neue Kiste für die Flügel unter die Maschine. «Das ist wie in einem OP-Saal hier», sagt der stämmige Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen will. Früher war er als Maurer tätig, doch die Jobs am Bau sind in Sachsen-Anhalt inzwischen rar. Seit zehn Jahren arbeitet er im Schlachthof. «Bis jetzt war ich immer zufrieden.»

Doch in die Negativ-Schlagzeilen kam der Betrieb zuletzt immer wieder. Vorwürfe gibt es nicht nur von Tierschützern wegen der Massenschlachtungen, auch die Staatsanwälte haben den Betrieb schon wegen möglicherweise zu Unrecht gewährten Subventionen ins Visier genommen. Zuletzt machte im März die amtliche Schließung des Betriebs für einen Tag Aufsehen - Hygienevorschriften waren verletzt worden.

Dabei ging es um Bauarbeiten, erläutert Geschäftsführer Michael Schönewolf. Mitarbeiter seien durch die Baustelle direkt zu ihrem Arbeitsplatz gelaufen - was aber wegen der amtlich vorgeschriebenen Trennung von sauberen und unsauberen Räumen nicht erlaubt war. Im Fachjargon heißen sie weiße und schwarze Bereiche - die strikt voneinander abzuschotten sind. Hunderttausende Hühner mussten zu Tierfutter verarbeitet werden.

Wer in die Geflügelverarbeitung will, lernt die Hygienekontrollen des Unternehmens am eigenen Leib kennen. Schutzkleidung, spezielle Schuhe, Hände waschen, Schuhe desinfizieren, Hände desinfizieren in einem Automaten - erst dann darf der Betrieb betreten werden. Die Angst vor Keimen ist einfach zu hoch - schließlich werden allein im Wiesenhof-Schlachthof in Möckern jeden Tag bis zu 160.000 Hühner geschlachtet, zerlegt, verpackt und gekühlt.

Mit seinem Pressetermin will Wiesenhof zeigen, dass die Firma nichts zu verstecken hat. «Wir sind einer der ganz wenigen Konzerne der Tierbranche, der seine Tore öffnet», sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Man wolle damit Vertrauen schaffen - vor allem gegenüber regionalen Medien, die man eigens eingeladen hat. Für jeden öffnet das Unternehmen aber nicht seine Tore - und will auch nicht, dass Videoaufnahmen aus der Schlachtung ins Internet gestellt werden.

Geschäftsführer Schönewolf schildert die Schlachtung so: Die Tiere werden erst in einem Elektrowasserbad betäubt, dann mit einem rotierenden Messer getötet. Alles geht automatisch, aber: «Zur Kontrolle steht dort permanent Personal.» Ein Brühbad und die Rupfmaschine mit großen Gummifingern folgen.

Was im Supermarkt oder am Imbissstand oft für wenige Euro angeboten wird, ist in der Summe ein großes Geschäft. Zuletzt setzte Wiesenhof, ein Teil des Familienkonzerns PHW mit rund 5000 Mitarbeitern, mehr als einer Milliarde Euro um. Und Möckern mit seinen rund 400 Mitarbeitern ist dabei noch nicht einmal die größte Anlage des Konzerns.

Doch zuletzt liefen die Geschäfte nicht mehr so gut - Möckern ist nicht ganz ausgelastet und produziert am Tag 10.000 bis 20.000 Hähnchen weniger als möglich. Die Futterpreise seien derzeit sehr hoch, sagt Geschäftsführer Schönewolf. Und die erzielbaren Preise am Markt zu gering. Macht es ihm Probleme, im Schlachthof zu arbeiten? «Das ist ein Job wie jeder andere», sagt der 58-Jährige.

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