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15.05.2008

Schluss mit der Routine?

Wer hat sie nicht schon erlebt, diese kleinen Gedächtnisaussetzer, vor allem wenn schnell etwas eigentlich ganz Bekanntes abgefragt wird, und man prompt die richtige Antwort geben soll?

Früher begann man dann gern als Konsequenz mit klassischen Gedächtnisübungen, heute aber starten wir daraufhin - der gegenwärtigen Hirnforschung folgend - mit Gehirngymnastik, moderner ausgedrückt mit Hirnjogging oder gar Neurobics!

Bei einer Unterhaltung mit Freunden über das Phänomen und Unwort „Langlebigkeitsproblem“ fragte ich meinen Mann: „ Du, wie heißt noch der hundertjährige Schauspieler und Sänger, in den meine Oma so verknallt war?“ Prompt hatte auch er einen Blackout und kam einfach nicht auf den Namen.

Tage später, an völlig unvermuteter Stelle und zu einer abstrusen Zeit, rief ich plötzlich „Johannes Heesters! Den habe ich neulich gemeint!“

Mir war klar, dass ich von nun an etwas gegen das Einschlafen meiner kleinen grauen Zellen unternehmen würde. Nein, nicht das sonst übliche Gedächtnistraining wie das erneute Einstudieren des Gedichtes „Die Glocke“ von Schiller oder gar das Aufsagen vom Großen Einmaleins. Es sollte schon etwas Flotteres sein, etwas, das auf moderne Erkenntnisse aufbaut und zur Zeit in diversen Medien vorgestellt wird.

In der Neurowissenschaft scheint es ja klare Beweise dafür zu geben, dass selbst bei Erwachsenen sogar neue Gehirnzellen produziert werden können, und dass auch ein älteres Gehirn sich anpassen und noch seine Verbindungsmuster verändern kann - wenn wir persönlich mithelfen!

Anscheinend können wir so genannten „Normalos“ uns auch ohne Medikamente aktiv daran beteiligen, die „Nahrung“ fürs Gehirn zu liefern, mit dem dieses wiederum die für sich nötigen Nährstoffe erzeugen kann, um bestmöglich funktionsfähig zu bleiben.

Dazu soll unser Gehirn tatsächlich in der Lage sein. Wir müssten dazu - grob ausgedrückt - die Verknüpfungskraft unserer fünf Sinne einsetzen und verschiedene Hirnregionen wieder aktivieren.

Ich ahne schon: Das wird unbequem, heißt es doch, die gerade beim Älterwerden so beliebte Routine zu durchbrechen! Und die haben wir uns ja extra hergestellt, damit wenigstens die wichtigsten Dinge des Lebens wie am Schnürchen laufen!

Nein, Schluss damit, sagen die Hirnforscher!

Na gut, ich werde es versuchen, Abwechslung in meine Hirntätigkeit zu bringen. So wie ich beim Sport im körperlichen Bereich möglichst viele verschiedene Muskelgruppen einzusetzen versuche, um flexibel zu bleiben, werde ich mal wieder Sehen, Hören, Ertasten, Schmecken, Riechen ein bisschen mehr kombinieren. (Für Übungen zur Hirnleistungs-Steigerung dieser Art gibt es übrigens inzwischen richtig anregende Taschenbücher.)

Soll sich meine Familie ruhig wundern und mich kindisch finden: Ich „schmettere“ beim vormals stillen Kochen neuerdings Lieder wie das Operettenstück „Ja, der ideale Lebenszweck, -zweck, -zweck ist Borstenvieh, ist Schweinespeck…“ (War das nicht aus „Der Vetter von Dingsda?“) Jedenfalls liefert mir mein Altgedächtnis das noch immer auswendig.

Und ich Rechtshänderin putze einfach mal ein paar Tage lang meine Zähne mit links, dusche meinen Körper in einer völlig anderen Reihenfolge. Das ist längst nicht alles, ich überrasche mein Gehirn mit ständig Neuem und zwinge ihm Unbequemlichkeiten auf!

So gebe ich in einer mir fremden Großstadt vor dem riesigen verwirrenden Metro-Plan stehend einfach nicht wie üblich auf, um Jemanden nach meinen Verbindungsmöglichkeiten zu fragen. Nein, ich beiße mich selber durch, um meine Route zu finden. Soll doch mein ältliches Gehirn mal wieder so richtig auf Trab kommen!

Ich freue mich über meine neuen Vorsätze. Aber hoffentlich strengt mich die Durchbrechung meiner liebgewordenen Routine, strengen mich die neuen Wege, die ich für mein Gehirn gerne erjoggen würde, nicht allzu sehr an, wo ich doch schon körperlich die Ehrensache „Treppe statt Fahrstuhl“ inzwischen richtig scheußlich finde.

Sagt mal ehrlich: Würdet Ihr Euch auch auf das moderne Hirnjogging einlassen ?