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Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Züge sind in der Nacht zu Sonntag in Südpolen mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 50 Menschen werden verletzt.
Zugunglück Polen © dpa
05.03.2012

Schuldzuweisungen und Spekulationen um das polnische Zugunglück

Die Experten üben sich im Rätselraten, die Schuldzuweisungen gehen in viele Richtungen: Nach dem tödlichen Zugunglück in Polen sorgen sich nicht nur die Menschen im Land um die Sicherheit auf den Schienen. Vor der Fußball-EM im Juni blickt auch das Ausland Richtung Polen.

Warschau (dpa) - War es eine technische Panne? Menschliches Versagen? Oder waren doch alte Züge und baufällige Gleise schuld? Das tragische Unglück in Polen, bei dem am Wochenende zwei Züge frontal ineinanderrasten und mindestens 16 Menschen in den Tod rissen, erschüttert das Land. Drei Monate vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen fordert aber auch das Ausland eine Erklärung. Polens Züge seien sicher, beteuert nun die Regierung. Können sich die Fußballfans darauf verlassen, bevor sie im Juni zu Tausenden in polnische Bahnen steigen? Der Druck auf Politiker und Ermittler wächst, während die politische Debatte im Gastgeberland längst entbrannt ist.

«Wir können nur spekulieren», sagte Piotr Kazimierowski der Nachrichtenagentur PAP. So wie viele Polen ringt auch der Leiter der Arbeitgebergewerkschaft im Schienenverkehr nach einer Erklärung für das Unglück. «Vielleicht gab es eine Panne bei den Geräten, die den Zugverkehr lenken? Vielleicht hat jemand den falschen Schalter gedrückt?» Möglich sei aber auch, dass einer der beiden Zugführer sich gesundheitlich nicht gut gefühlt habe. Die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft in Czestochowa leitet, könnten Wochen dauern.

Experten spekulieren, der Fahrer des Zuges, der von Warschau aus in Richtung Krakau auf dem falschen Gleis unterwegs war, habe ein Signal verpasst. Andere mutmaßen, das Signal sei schlicht ausgefallen. Antworten könnten die Fahrtenschreiber geben - etwa über die Geschwindigkeit der beiden Züge, oder darüber, ob sie ungebremst ineinanderrasten. Insgesamt saßen rund 350 Passagiere in dem Intercity und dem Interregio.

Zwei Bahnmitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft bereits festgenommen. Die beiden Fahrdienstleiter waren zur Unglückszeit an den Bahnhöfen im Einsatz, von wo aus sie den Zugverkehr auf der betroffenen Strecke koordinierten. Unter Alkoholeinfluss standen sie nach Angaben der Ermittler jedenfalls nicht. Ihre Befragung soll Licht ins Rätselraten bringen. Die polnische Staatsanwaltschaft hat einen der beiden Mitarbeiter bereits angeklagt, versehentlich das Zugunglück verursacht zu haben.

Polens Regierung glaubt nicht an einen technischen Fehler. Die Strecke sei erst im vergangenen Jahr modernisiert worden, sagte Verkehrsminister Slawomir Nowak. «Überraschend» nannte er daher die Tragödie. «Alles deutet darauf hin, dass den technischen Geräten nicht die Schuld zugeschrieben werden kann.»

Kritiker widersprechen Nowak. Die Modernisierung der Bahnanlagen geschehe nicht im nötigen Maße. Trotz der jüngsten Bemühungen, Bahnen und Schienen zu erneuern, gelten polnische Züge als langsam. Auch Verspätungen sind nicht selten in dem osteuropäischen Land.

«Es gibt nicht genug Geld, um die Schienen und Züge zu erneuern», sagte Ryszard Dolata von der Gewerkschaft Solidarność (Solidarität) dem Fernsehsender «TVN 24». Auch in die Ausbildung des Nachwuchses werde nicht ausreichend investiert. Keiner traue sich, dies laut auszusprechen, klagte Dolata.

«Jahrelang wurde die Bahn als ein Fass ohne Boden angesehen, in das zu investieren sich nicht lohne», sagte Jakub Majewski, früherer Leiter des öffentlichen Eisenbahnunternehmens Koleje Mazowieckie dem Sender. «Der Sicherheit zuliebe wurde deshalb die Geschwindigkeit (der Züge) begrenzt.»

Wojciech Paprocki, ein weiterer Kritiker von der Wirtschaftsuniversität in Warschau, lenkt den Blick in eine andere Richtung: «Es mangelt nicht an polnischen Einrichtungen, die für die Sicherheit bei der Bahn verantwortlich sind», sagte er PAP. «Es gibt sie, aber sie funktionieren nicht richtig.»