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21.12.2016

Steckt der IS hinter der Berliner Todesfahrt?

Istanbul (dpa) - Wieder einmal will es die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewesen sein. In einer kurzen Mitteilung meldete das IS-Sprachrohr Amak am Dienstagabend, ein «Soldat» der Extremisten habe den Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt ausgeführt - aus Rache für Deutschlands Beteiligung an der internationalen Koalition, die in Syrien und im Irak gegen die Dschihadisten kämpft.Bewiesen ist damit jedoch noch längst nicht, dass die Terrormiliz tatsächlich hinter der Todesfahrt des Lastwagens steckt. Der IS streute die Meldung zwar über seine üblichen Kanäle im Internet, auch Form und Sprache ähnelten früheren Bekenntnissen. Ungewöhnlich war in diesem Fall, dass das Bekenntnis kam, noch ehe der Angreifer gestellt wurde. Doch als Beleg für die Täterschaft des IS reicht das nicht - zumal Amak gestützt auf nicht näher benannte «Sicherheitskreise» nur Fakten meldete, die längst in den Medien kursierten.

Überraschend allerdings wäre es nicht, sollte der IS für den Angriff verantwortlich sein. Er würde sich einreihen in andere Attentate der vergangenen Monate, zu denen sich die Extremisten bekannt haben.

So reklamiert der IS für sich auch die Terrorakte in Nizza, Würzburg, Ansbach, Brüssel und Paris. Hinzu kommen zahlreiche Bluttaten in Ländern außerhalb Europas. Erst vor einer Woche hatte Amak gemeldet, ein «Märtyrer» des IS habe den Selbstmordanschlag auf eine koptische Kirche in der ägyptischen Hauptstadt Kairo begangen. Auch in islamischen Ländern schickt der IS immer wieder Attentäter los.

Beobachter hatten schon vor Monaten davor gewarnt, dass sich der Terror des IS im Ausland verschärfen könnte, je mehr die Extremisten in Syrien und im Irak unter Druck geraten. Weil sie dort in den vergangenen Monaten schwere Niederlagen erlitten haben, verlagert der IS seinen Kampf gegen den «Unglauben» in andere Länder. So will er Anhänger und Sympathisanten von seiner angeblichen Stärke überzeugen, die weltweit zur großen Popularität des IS beigetragen hat.

Seit Monaten hetzt der IS in seiner Propaganda zudem immer schärfer gegen die «Kuffar», die «Ungläubigen», im Westen. Auch Deutschland gerät dabei regelmäßig ins Visier der Dschihadisten, weil sich die Bundeswehr in Syrien und im Irak an der Seite der US-geführten internationalen Koalition am Kampf gegen die Terrormiliz beteiligt.

So machte die bislang letzte Ausgabe des IS-Propagandamagazins «Dabiq» schon auf der ersten Seite deutlich, wer für die Dschihadisten einer der schlimmsten Feinde ist: «Brecht das Kreuz» prangt in Großbuchstaben auf dem Titelblatt der englischsprachigen Publikation, die im vergangenen Sommer über das Internet verbreitet wurde. Das Bild dazu zeigt einen IS-Kämpfer, der auf dem Dach einer Kirche ein Kreuz beseitigt. Der Islam, so lautet die Botschaft an die Anhänger der Extremisten, ist auf dem Siegeszug.

Das folgenden 81 Seiten lesen sich wie ein einziges Hasspamphlet gegen das Christentum und den Westen. «Wir hassen Euch zuallererst, weil ihr Ungläubige seid», heißt in einem Artikel. «Wir hassen Euch, weil Eure säkularen, liberalen Gesellschaften die Dinge erlauben, die Gott verboten hat (...) Wir hassen Euch wegen Eurer Verbrechen gegen die Muslime: Eure Drohnen und Kampfjets töten und verstümmeln unser Volk in der ganzen Welt.» Eine Frau aus Finnland mit dem Namen Umm Khalid berichtet zugleich, welche Erleichterung sie nach ihrem Übertritt zum Islam gespürt habe: «Ich fühlte so großen Frieden.»

Weil ihm offenbar häufig die Mittel fehlen, um große Operationen von langer Hand zu planen, setzen die Extremisten seit einiger Zeit mehr und mehr auf Einzeltäter. Schon vor zwei Jahren forderte der mittlerweile getötete IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani Dschihadisten weltweit auf, als «einsame Wölfe» aktiv zu werden. Der innere Führungskreis des IS muss dabei gar nicht in direktem Kontakt zu den Attentätern stehen. Die Propaganda und Unterstütung von Anhängern können ausreichen, um Sympathisanten so sehr zu radikalisieren, dass sie zum Attentäter werden.

Erst im vergangenen Monat gab der IS Anhängern in dem Magazin «Rumiyah» («Rom»), einer anderen Propaganda-Publikation, genaue Anweisungen, wie der Angriff eines Einzeltäter aussehen soll. Als Vorbild pries eine Artikel mit der Überschrift «Terrortaktiken» den Angriff mit einem Lastwagen in Nizza. Ein großes Fahrzeug, heißt es in dem Stück, sei besonders geeignet, weil es einfach zu beschaffen, aber nicht verdächtig sei: «Es ist eine der sichersten und einfachsten Waffen, die man gegen die Ungläubigen einsetzen kann.»

Auch ein passendes Vorbild konnte der Artikel präsentieren: die Blutfahrt in Nizza, wo ein Tunesier seine Opfer ebenfalls mit einem Lastwagen überfuhr - für «Rumiyah» geradezu eine «großartige» Tat.