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12.03.2008

Sternle in den Augen

Wer wie wir unser Sesam Internet zu öffnen weiß, muss sicher nicht mehr über Einsamkeit klagen. Wir können uns hier drin, in dieser schillernden Parallelwelt, mit Gleichgesinnten tummeln, können mit ihnen spielen, chatten, bloggen, skypen… ach, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Aber hätten wir unsere Kontakte nicht auch einmal gern so ganz hautnah, direkt und spontan im „Diesseits“?

Wer also sein Stubenhocker-Dasein gegen Bewegung plus Kontakt eintauschen möchte, sollte den Rat des vorletzten amerikanischen Präsidenten beherzigen: „Derjenige, der hier (in Washington) einen Freund braucht, sollte sich einen Hund anschaffen!“ Ich würde diesem Satz noch hinzufügen: „… dann wäre der Hund sein treuester Freund und er könnte zusätzlich noch viele gute Bekanntschaften machen!“

Ja, dies kann ich nur bestätigen. Selbst schüchterne, introvertierte Zeitgenossen kommen in solchem Fall sogar zu ungeahnter Tuchfühlung! Davon kann ich so manches Liedchen singen! Wie zum Beispiel neulich erst geschehen - und das im Schnee:

Hund Django musste und ich wollte raus, wollte Vitamin D tanken. Wir eilten zum nahe gelegenen schneebedeckten Feld, das wir ganz für uns alleine wähnten, denn es war „high noon“, mit griechisch blauem Himmel, klarer Luft und Sonnenschein. Weit und breit keine Sterbensseele. Auch mal angenehm!

So lasse ich Django von der Leine los, und er schießt wie ein geölter Blitz quer über die glitzernde weiße Schneedecke. Ich döse und stapfe so vor mich hin, da sehe ich in einiger Entfernung überraschend zwei Gestalten hinter Busch und Baum auftauchen. Große rote Jacke, kleines schwarzweiß geflecktes Wollknäuel daneben. Freude kommt auf! Das ist bloß Pitty, Djangos große Liebe! Da kann nichts passieren. Gleich wird Pittys liebenswürdige „Mama“ auch sie von der Leine befreien, und während wir Großen dann palavern, können die Kleinen miteinander toben. Aber Pustekuchen! Am Ende von Pittys Leine taumelt der Cousin von Frau X, offensichtlich schwer an der ihm angeheissenen Verantwortung tragend, denn er löst das lange Nylonband nicht. Mist, ungleiche Bedingung für die Tiere!

Während Pitty sich fast stranguliert, rast Django auf sie los. Ich haste hin, um den Durchgeknallten anzuleinen. „Oh,oh, er hat wieder so arg Sternle in den Augen, weil er seine Pitty sieht!“ Der sonst so schweigsame Mann ist beeindruckt von Djangos Vehemenz. Was dann folgt, lässt sich nur im Zeitraffer erzählen:

Zwei verrückt gewordene Hunde spielen Fangen, umkreisen Mister X, fesseln mit ihren verhedderten Leinen seine Füße. Er strauchelt und landet wie ein gefällter Baum der Länge nach im Schnee. Dort bleibt er geistesgegenwärtig gleich liegen und greift sich die ebenfalls umwickelten Füße von Django, der im Fullstop stehen bleibt und auf der Stelle strampelt, während sich seine Freundin auf den Kopf von Mister X hockt, um sich eine Verschnaufpause zu gönnen. Der spielt mit seinem Schädel „Hospitalismus“, um die Freche abzuschütteln. Ich werfe mich auf die Knie und dabei Django gleich um, damit wir Großen dessen Beine entwirren können. Danach ist Mister X dran. Um ihn zu befreien, müssen wir uns wie zwei Riesendelphine aufeinander, untereinander, umeinander herum wuchten, springen, drehen, wenden und dabei noch die rasenden Hunde in Schach halten, deren Hirn und Augen funken sprühen. Meine Hände sind überall.

Szenenwechsel: Vorgestern am Obststand. „Na, brauchst du auch mal wieder was Gesundes?“ Wer mich da anspricht? Oh, ja, natürlich. Das ist Mister X! Aus zwei vormals Wildfremden werden wohl gerade die Duz-Bekannten fürs Leben. Schließlich haben wir ja miteinander mehr als nur Schweine gehütet! Da bekommt man doch vor Freude Sternle in den Augen, oder nicht?