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02.05.2008

„Strategie des Überlebens“

Ekel ist wohl das Gefühl, das einen überkommt, wenn man darüber nachdenkt, andere Menschen zu essen. Kannibalismus ist eines der letzten großen Tabu-Themen unserer Zeit. PZ-Mitarbeiter Ronny Thurow hat den Stuttgarter Literatur- und Kulturwissenschaftler Martin Windisch interviewt und versucht, sich den Menschenfressern anzunähern. Bildlich gesprochen, natürlich.

Pforzheimer Zeitung: Herr Windisch, wie viel Kannibale steckt in mir, steckt in Ihnen? Steckt in jedem von uns?
Martin Windisch: Das ist gewissermaßen die ultimative Frage gleich am Anfang. Denn die Grenzerfahrung des Kannibalismus mündet letztlich in die Frage, ob wir alle vom Kannibalismus her kommen. In einem Naturzustand, in dem es um die bloße Selbsterhaltung ginge, da wäre bei extremer Nahrungsknappheit das Überleben nur durch kannibalische Handlungen denkbar. Inwiefern aber so etwas wie eine ureigene und grenzenlose Triebhaftigkeit im Menschen steckt, das ist eine Frage, die uns spätestens seit Sigmund Freud umtreibt. Freilich wird kaum jemand die Redewendung ‚Jemanden zum Fressen gern haben‘ wörtlich und als Indiz oder Motivation für sexuell motivierte kannibalische Praktiken nehmen. Es sei denn, es handelt sich um einen wirklichen Psychopathen.

PZ: In welchen Situationen werden Menschen sonst zu kannibalischen Grenzgängern?
Windisch: Aus der Geschichte ist relativ häufig belegt, dass in Situationen von Schiffbruch, von bloßem Überleben ohne andere Nahrungsquellen, Menschen durchaus auf die Idee kommen können, entweder Verstorbene zu essen oder durch Los zu entscheiden, wer geschlachtet und gegessen werden soll.

PZ: Es gibt aber auch jüngere Beispiele als jene von Schiffbrüchigen im 19. Jahrhundert.
Windisch: Ja, sicher ist das berühmteste der Flugzeugabsturz 1972 in den Anden, als eine uruguayische Rugby-Mannschaft zum Teil zu Tode kam, aber die Überlebenden ganz genaue Strategien des Überlebens entwickelten. Sie befanden sich in der Situation, dass in der Kälte des Gebirges die Leichen sofort gefroren und von daher für den Verzehr weiterhin geeignet waren. Nachdem alle anderen Lebensmittel aufgebraucht waren, kamen die Überlebenden dann durchaus rational zu der Entscheidung, dass man sich nach und nach, ganz systematisch und auch unter Berücksichtigung von biologischen und medizinischen Gesichtspunkten der Leichen habhaft machen sollte.

PZ: In Form von eigens entwickelten Diätplänen.
Windisch: Genau, sie entwarfen Diätpläne. Das war ein typisches Beispiel von Überlebens-Kannibalismus in einer extremen Situation.

PZ: Welche anderen Arten von Kannibalismus sind bekannt?
Windisch: Die heftigste Diskussion entfacht der rituelle Kannibalismus. Nach wie vor ist die Frage, ob es so etwas gab in der Geschichte oder heute noch gibt, nicht ausgestanden. Vor einigen Jahren haben Forscher versucht nachzuweisen, dass die Seuche Kuru in Papua-Neuguinea auf Endokannibalismus zurückzuführen sein müsse. Das heißt, dass der fragliche Stamm die Gehirne der Verstorbenen gegessen haben soll, und dass dies der einzige Weg der Krankheitsübertragung sei.

PZ: Die Gehirne?
Windisch: Ja, damit sollten im eigenen Stamm die Kräfte des Verstorbenen für die nächste Generation bewahrt bleiben. In europäischen Berichten aus der Kolonialzeit werden andererseits Formen des Kannibalismus beschrieben, das heißt: erfunden, in denen die Feinde gegessen werden, um sich deren Stärke einzuverleiben und sie endgültig zu besiegen.

PZ: Das nennt man dann Exokannibalismus?
Windisch: Richtig. Daneben ist eine weitere und besonders extreme Form des Kannibalismus zu betrachten: der Autokannibalismus.

PZ: Wenn man sich selbst isst  . . .
Windisch: Ja, und das hat in der Literatur zu einer großen Metaphorisierung (Verbildlichung, Anm. der Redaktion) geführt. Zum Beispiel in Margaret Atwoods Roman „Die essbare Frau“, wo eine schwere Essstörung bildlich zusammen gebracht wird mit einer Selbst-Verzehrung.

PZ: In welcher Form auch immer – warum ist das Tabu-Thema so interessant für die Literatur?
Windisch: Ich glaube, dass in der heutigen Zeit Tabu-Themen zu dem Letzten gehören, was noch uneingeschränkt
Interesse findet. Der Kannibalismus als sicher extremste Form mitmenschlicher Auseinandersetzung ist das höchste Tabu-Thema, denn eine Angst vor der kannibalischen Wende, vor der kannibalischen Begierde des Gegenüber würde jede Beziehung, jedes Vertrauensverhältnis aufs Höchste bedrohen. Für die literarische und auch die filmische Repräsentation gehört der Kannibalismus zu den Grenzerfahrungen per se.

PZ: Warum haben wir Interesse an Kannibalen? Warum liest man im Kannibalen-Roman weiter? Ist das die Ästhetik des Ekels?
Windisch: Meist ist die Darstellung des Kannibalismus in den Erzählstrategien die Einlösung eines Versprechens. In solchen Geschichten wird Spannung aufgebaut, indem suggeriert wird, an einem Ort fände so etwas statt oder jemand tue so etwas. Die ganze Erzählung ist darauf gerichtet, den Beweis zu erbringen. Auf der Ebene der Roman- oder Filmhelden ist es das Meistern einer extremen Form von Selbstbehauptung. Derjenige, der den augenscheinlichen Beweis bekommt, der dokumentiert damit auch, dass er sich tatsächlich selbst dem Kannibalismus ausgesetzt hat.

PZ: Eine Art Mutprobe also.
Windisch: Ja. Das Gegenüber, das als kannibalische Bedrohung empfunden wird, bleibt ja so lange eine nur vorgestellte Bedrohung, bis Gewissheit besteht. Ist der Beweis geliefert, dann bestätigt sich die existenzielle Angst vor dem Gegenüber als berechtigt.

PZ: Ist es auch für den Leser eine Mutprobe, sich damit zu konfrontieren?
Windisch: Ich denke schon. Die Erfahrung von Horror und Ekel des Kannibalismus ist in literarischen und filmischen Darstellungen nur gelungen, wenn diese Gefühle beim Leser oder Kinogänger ausgelöst werden. Das distanzierte Zurücklehnen funktioniert nicht, wenn die Ästhetik des Schreckens und des Ekels aufgeht.