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25.04.2008

Tanz der Liebe, Tanz der Trauer

Tanz, Gesang, das Geschichtenerzählen und Spiritualität bildeten in der indianischen Kultur eine Einheit. An der Westküste Kanadas waren diese Elemente ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Heute wird ein Teil dieses indianischen Erbes bei regelmäßigen Treffen, den Pow Wows, wieder gepflegt. Es bedarf nicht allzu großer Fantasie, sich von den bunten Eindrücken in die große Zeit der legendären Prärie-Indianer versetzen zu lassen, deren Kultur Gesänge und Tänze kannte für Liebe, Hochzeit, Krieg und Trauer sowie für alle wichtigen Tiere wie Lachs, Adler und Bär – oder ganz einfach fürs Beerenpflücken.

Die Trommler erhöhen die Schlagzahl. Ihr synchroner Takt scheint die Tänzer im Rund der kleinen Arena zu beflügeln: Stampfend halten die Krieger Schritt und bringen die um ihre Fußgelenke geschlungenen Schellenbänder zum Klingen. Federschmuck, Farben, Fächer, Fransen – alles wogt in rhythmischer Bewegung. Jetzt werden uralte Indianergesänge angestimmt. Viele bestehen aus kaum mehr als einer an- und abschwellenden Lautfolge; sie kommen meist ohne Texte aus und werden während des dreitägigen Pow Wow in Williams Lake, Kanada, zu einer Art Grundrauschen, immer akustisch präsent, aber nie im Begriff, sich in den Vordergrund zu drängen. Die reich verzierten Festroben der Tänzer fesseln hingegen sofort die Aufmerksamkeit. Adlerfedern sind im Rücken der traditionellen Gewänder zu einem Pfauenrad angeordnet. Jeder Kopfschmuck der Männer ist ein handgefertigtes Unikat, das nach überlieferten Vorlagen entstand. Meist ziert ein Stück langmähniges Hirschfell den Scheitel der Krieger, die sorgsam gepflegten Tierhaare sind steil aufgerichtet. Dazu tragen viele Indianer Fetische, spirituelle Gegenstände mit Adlerköpfen, Bärenklauen sowie Fächer, Rasseln und Tomahawks.

Die Gewänder der hinter den Männern tanzenden Mädchen und Frauen sind mit kleinen, bunten Perlen besetzt und schwelgen in kräftigen Farben. Und unter den ganz jungen Mädchen scheinen besonders die Röcke beliebt zu sein, die mit mehreren Reihen silbern glänzender Glöckchen besetzt sind – ein Stilelement, das die in British Columbia ansässigen Shuswap von Stämmen an der kanadischen Ostküste übernommen haben.

Ganz am Ende des sich im Uhrzeigersinn durch die Arena bewegenden Festzugs tanzt ein vielleicht 15-jähriges Mädchen mit perfekten, leichtfüßigen Schritten. Ihre mit bunten Schmetterlingen bestickten Mokassins berühren den Boden nur ganz kurz; das zierliche Mädchen wirkt federleicht, scheint mühelos in der Luft zu stehen. Einige ältere Zuschauerinnen applaudieren kurz. Und natürlich ist die Jury, die am Ende des Pow Wow über die Vergabe der Preisgelder in den unterschiedlichen Klassen entscheidet, längst aufmerksam geworden.

Meist ist auf den Zuschauerrängen jedoch Gelassenheit Trumpf. Sollte es so etwas wie einen Zeitplan geben, er hat hier und jetzt keinerlei Bedeutung. Die Veranstaltung der First Nations in Williams Lake mag zwar Indianer aus weiten Teilen Kanadas und sogar aus den Vereinigten Staaten anziehen, aber eine aufgepeppte Touristenattraktion ist das Pow Wow beileibe nicht. Eher ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem sich Mitte Juni Familien in zwangloser Runde treffen. Wer also ein professionell organisiertes Show-Spektakel mit Aktion, Attraktionen und Aufregung sucht, kommt besser 14 Tage später in die gut 600 Kilometer nördlich von Vancouver gelegene Stadt, besorgt sich einen Cowboyhut und verfolgt die „Williams Lake Stampede“ – ein feuchtfröhliches Potpourri aus Wagenrennen, Rodeo und Ranch-Wettbewerben, und seit mehr als 80 Jahren das wichtigste Fest in British Columbias Cariboo Country.

In der kleinen Arena oberhalb der Tankstelle „Chief Will-Yum Gas Bar“ läuft hingegen alles betont relaxt und familiär ab. Der vielleicht wichtigste Unterschied zur „Williams Lake Stampede“ ist weit mehr als ein bloßes Detail: Alkohol darf auf dem Campground rings um das Vatertags-Pow Wow weder verkauft noch konsumiert werden. Wie leidvoll die Erfahrungen der Ureinwohner mit Hochprozentigem und Halluzinogenem sind, wird während der Veranstaltung deutlich: Es bleibt meist den Großeltern vorbehalten, den Nachwuchs an traditionelle indianische Werte heranzuführen. Die Generation der 35- bis 45-Jährigen ist hingegen nur sporadisch vertreten – nicht wenige junge Erwachsene straucheln beim Versuch, sich in der weißen Gesellschaft zu behaupten. Manche scheitern auch ganz.

Auf besonders anrührende Weise führt ein junges Paar vor Augen, wie wichtig gerade für die Eltern kleiner Kinder die indianischen Werte wie Stammeszugehörigkeit, intakte Familienbande und gegenseitige Fürsorge und Hilfe sind. Ihr Erstgeborenes in Händen, treten sie in die Mitte der kleinen Arena und bekennen ihre Probleme ganz bewusst vor allen Anwesenden, beschreiben wie lange sie inzwischen „clean“ sind und geloben feierlich, dass sie auf Drogen und Alkohol auch weiterhin verzichten wollen, um dem gemeinsamen Kind die bestmögliche Zukunft bieten zu können. Unwillkürlich möchte man ihnen alles Glück der Erde wünschen, und es ist das zweite Mal an diesem Tag, dass die sonst eher zurückhaltenden Zuschauer engagiert Beifall klatschen. Die traditionell gekleideten Tänzer berühren das junge Paar und den Kopf des Babys mit den zu Fächern gebündelten Adlerfedern. Kraft und Ausdauer der Tier-Totems des ganzen Clans sollen so auf Eltern und Kind übergehen.

Den wohl weitesten Anreiseweg dürfte Myron Burger, der Indianer im Bärenfell, gehabt haben. Er arbeitet an der Santa Fé Indian School in Neu Mexiko und kommt zusammen mit seiner Frau Dege jedes Jahr nach Williams Lake, um den Kontakt zur Verwandtschaft im indianischen Vorort Sugar Cane zu pflegen. Er hatte erfreuliche Nachrichten im Gepäck: Zehn von 150 Schülern an seiner Highschool konnten sich für eines der von Bill Gates ausgelobten Millenium-Stipendien qualifizieren.