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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
06.02.2017

„Tatort: Der scheidende Schupo“: Begeisternde Krimi-Groteske aus Weimar

Die „Tatort“-Filme aus dem Osten der Republik, in denen doch eher das zumeist recht unlocker wirkende „Notruf 110“-Format gepflegt wird, haben selten wirklich überzeugt. Doch wenn die verheirateten Kommissare Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner) in Weimar ermitteln, dann kann man sich auf Wortwitz und seltsame Beziehungsprobleme, auf groteske Situationen und skurrile Typen verlassen.

Und so war der „Tatort: Der scheidende Schupo“ mal wieder ein äußerst unterhaltsames Beispiel, wie gut ein ARD-Sonntagabendkrimi sein kann, wenn man die Ermittler nicht nur im menschlichen Abfall wühlen und ihnen nicht nur die ganze erdrückende Last einer von Grund auf bösen Welt auf die Schultern lädt.

Dabei funktioniert das hohe Maß an Humor im Weimarer „Tatort“ durchaus auch als Spiegel urmenschlicher Probleme zwischen unterschiedlichen Geschwistern, als Spiegel wirtschaftlicher Zwänge. Und hinter den Scherzen lauert dann auch das Grauen, das durch den witzigen Spruch jedoch nicht verdeckt, sondern nur in erträglichem Maße offenbart wird. So etwa wenn der Rechtsbeistand einer Porzellanfabrik, der der einen Hälfte der weiblichen Geschäftsführung als erotischer Pausenfüller dient, Briefumschläge verteilt und mit fröhlichen Worten den gekündigten Mitarbeiterinnen noch eine gute Zeit wünscht. Dass dies ins Mark der Firma trifft, erkennt man daran, dass er weiß, an welche Tasse er beim Frühstückstisch den richtigen Kündigungsbrief lehnen muss. Man kennt das Stammpersonal im Betrieb eben seit vielen Jahren.

Im Zentrum des turbulenten Geschehens, das nicht vor dem mühseligen Zerteilen einer ausgegrabenen Leiche im Gartenhäcksler oder vor dem Auslaufen eines Kinderkot-Sammelbehälters im Kofferraum des Dienstwagens zurückschreckt, steht Polizist Lupo. Im Revier läuft er eher unauffällig mit, gleichwohl er Kollegin Dorn anschmachtet, ihr heimlich Präsente zukommen lässt und eine neue Rosenzüchtung nach ihr benennt. Eine von ihm verschmachtete Geliebte, die ähnlich bieder, brav und blass durchs Leben geht wie er, zerstört sein Blumenbeet, dessen Blütenzauber Lupo jeden Morgen wie seine eigene Kinderschar begrüßt und mit Gedichten beglückt. Dabei explodiert eine Bombe, die von der Frau nur noch Einzelteile übrig lässt. Wem die Bombe galt, wird schnell klar, denn kurz darauf wird Lupo mit Rizin vergiftet. 72 Stunden soll er noch zu lenben haben.

Irgendwann wird aus dem ach so netten, hilfsbereiten, anständigen Lupo dann ein Amokläufer, der seinen Mörder – es ist der eigene Bruder – töten will. Dabei schießt er seinem väterlichen Mentor bei der Polizei aus Versehen in den Fuß, was genüsslich in Großaufnahme gezeigt wird. Dabei mutet das rauchende Loch im Schuh gar nicht so slapstickhaft an, wie es vielleicht bei anderen Filmen der Fall wäre. Den Machern des Weimarer „Tatorts“ gelingt es irgendwie immer, eine Balance zu halten zwischen Komik, Satire und Groteske auf der einen und albernem Überschwang und plattem Schenkelklopferwitz auf der anderen Seite. Das haben sonst nur die Münsteraner Ermittlerkollegen Boerne und Thiel erreicht.

Wie der überraschend steinreiche, aber zum frühen Tod verdammte Lupo das Drama um die Vergiftung und den damit zusammenhängenden Verkauf der überaus traditionsreichen Porzellanfabrik vorantreibt, wie das Ermittlerpärchen das irre Beziehungsgeflecht aus Hass auf die Schwester und auf eigenen Vater, aus im Grunde aussichtsloser Liebe zum bösen Buben und aus schnellen Schreibtischnummern sowie aus gefälschten Vaterschaftstests entflechtet, ist ein großer Krimispaß und doch auch so spannend, dass man bei den überraschenden Wendungen mitfiebert. Dass gerade aus der mitteldeutschen Provinz (sorry, liebe Bürger und Freunde von Weimar) solch ein cooler, entspannt witziger „Tatort“ kommt, lässt immer wieder staunen.