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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
01.12.2014

"Tatort" mit Wotan Wilke Möhring: Flüchtlingsdrama nicht in Schwarzweiß

„Sie haben den Krieg hierher geholt“, sagt Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) zu einer Frau, die Rache an einem Killer-Arzt aus einem Folterzentrum des Diktators Assad nehmen wollte. Syrien liegt weit weg, einige wenige Flüchtlinge finden den Weg nach Deutschland, aber wer weiß schon, in welcher Todesangst die Menschen dort leben müssen. Nach dem "Tatort: Die Feigheit des Löwen" wissen wir auch nicht wirklich mehr darüber, aber wir haben das Gefühl gewonnen, dass es uns vielleicht doch etwas angehen könnte.

Der syrische Bürgerkrieg ist bei uns inzwischen nicht nur im Wohnzimmer auf der Mattscheibe angekommen, er ist unter uns. Ewig lange hat man außer von Amnesty International nichts von den brutalen Gräueltaten der syrischen Assad-Diktatur gehört – oder hören wollen. Im Zuge der Umwälzungen durch den „Arabischen Frühling“ kam es auch in Syrien zu einem Bürgerkrieg, den inzwischen salafistische Terroristen zu einem Massenschlachten Andersgläubiger und Andersdenkender nutzen. Deutschland liefert vorerst nur Waffen. Aber wer kann schon sagen, ob Syrien nicht das neue Afghanistan für die marode Bundeswehr wird. Wir sind schon mittendrin in diesem vorderasiatischen Schlachthaus zwischen Folter, Vergewaltigung und Massenerschießungen.

Das große Blutbad aber blieb im Möhring-„Tatort“ aus. Das Leiden wurde eher am Rande angedeutet. Etwa dann, wenn ein syrischer Junge stundenlang im Kofferraum eines Schleusers ausharren muss – neben seiner ebenfalls vor Stunden gestorbenen Schwester. Oder wenn die Mutter sich die Fingerkuppen abschneiden muss, um nicht an den Fingerabdrücken als ehemalige Asylsuchende mit Negativbescheid erkannt und gleich wieder zurückgeschickt zu werden.

An diesem „Tatort“ hat mich die differenzierte Behandlung der Figuren überzeugt. Nicht jeder Flüchtling ist ein armseliger Tagelöhner, der seine wirtschaftliche Zukunft im goldenen Westen sieht. Da gibt es zum Beispiel erfolgreiche Ärzte, die treu Steuern zahlen. Und die Helfer, die den gepeinigten Menschen die Flucht aus dem mörderischen Chaos ermöglichen, sind nicht nur die edlen Selbstlosen, sondern auch die auf den eigenen Reibach bedachten Verbrecher. Es ist eben nicht immer alles so Schwarzweiß, wie es die von dumpfen Stammtischparolen geprägte „Eigentlich habe ich nichts gegen Asylanten, aber...“-Fraktion als Menetekel in Frakturschrift an die deutsche Zukunftsangst-Wand malt.

Schön auch, dass Wotan Wilke Möhring sich in diesem „Tatort“ etwas zurücknimmt und nicht die alles überstrahlende Hauptfigur mimt. Auf die Liebesszene mit seiner Bundespolizei-Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) hätten die „Tatort“-Macher aber getrost verzichten können. Das wirkte so gar nicht echt, sondern eher deplatziert. Wie sich Klein-Hänschen das freizügige Sexleben im Kreise der Polizeikollegen vorstellt. Aber wenn einer meint, er müsste Milch und Hochprozentiges mixen, um seine Proletarierherkunft als Basis seines obercoolen Auftritts zu unterstreichen, der hat nicht begriffen, dass ein echter Proll nur Korn ohne Milch trinkt, weil er das weiße Zeug gar nicht kennt. Oder er hat zu oft „The Big Lebowski“ gesehen, in dem „The Dude“ (Jeff Bridges) pausenlos so einen Wodka-Mix als „White Russian“ kippt.

Schwamm drüber über diese Szene. Möhring spielte seinen Kommissar Falke den Rest des Sonntagabendkrimis über mehr als nur gut, auch wenn nicht einzusehen ist, warum gerade der mit Ermittlungsarbeiten eingedeckte Bundespolizist der einzige Mensch ist, der im Handumdrehen Zugang zu dem traumatisierten syrischen Jungen aus dem Kofferraum findet. Nervig auch das penetrante Nachrichtengeflimmer mit Schusswechseln, so als würde jedes TV-Anstalt nur noch das Elend in Syrien senden.

Gegen Ende des „Tatorts“ jedoch kann man sich schon Täter und Finale ausrechnen. Der Folter-Arzt hat das Morden auf subtile Art auch in Deutschland fortgesetzt. Gefühle scheint er nicht zu kennen, doch als sein Bruder – der erfolgreiche, in Deutschland integrierte Arzt – ihm beim Showdown sagt, dass er bis zuletzt nicht daran geglaubt habe, dass er ein schlechter Mensch sei, zeigt der Mörder doch so etwas wie eine menschliche Regung. Der „Tatort: Die Feigheit des Löwen“ bricht eben durchgängig mit den simplen Lieschen-Müller-Schemata, was den Krimi letztlich glaubhaft und aktuell macht. Daher: Daumen hoch für diesen Film.

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