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Mutter Naina hält ihr zwei Stunden altes Mädchen in der Stadt Jammu in Indien in den Armen. Nicht allen Mädchen geht es in dem Land gut. Es findet ein stiller Genozid an Mädchen statt: Jedes Jahr werden in Indien Hunderttausende Föten und Kinder getötet - wegen ihres Geschlechts.
Mutter Naina hält ihr zwei Stunden altes Mädchen in der Stadt Jammu in Indien in den Armen. Nicht allen Mädchen geht es in dem Land gut. Es findet ein stiller Genozid an Mädchen statt: Jedes Jahr werden in Indien Hunderttausende Föten und Kinder getötet - wegen ihres Geschlechts. © dpa
20.04.2012

Tödliche Tradition: Massenmord an Indiens Mädchen

Für die drei Monate alte Afreen kam jede Hilfe zu spät. Übersät von blauen Flecken und Brandmalen starb das drei Monate alte Mädchen in einem Krankenhaus in Südindien. Der Säugling hatte nach Ansicht des Vaters das falsche Geschlecht, wie die Mutter der Polizei erzählte: Der 25-Jährige wollte einen Sohn.

Solche Dramen kommen in ganz Indien vor. Im März starb in der Hauptstadt Neu Delhi ein weiblicher Säugling mit gebrochenen Armen und Schädeltrauma. Kürzlich verhaftete die Polizei im nordindischen Amritsar einen Mann: Er soll seine Frau erwürgt haben, weil sie eine dritte Tochter gebar. Und immer wieder werden weibliche Föten auf Müllhalden oder in alten Brunnen entdeckt.

Die jüngsten Morde aber haben das Gewissen der Nation aufgerüttelt und eine Debatte über die Rechte von Mädchen und Frauen entfacht. Indien hat mit Pratibha Patil zwar eine Präsidentin. Und auch die regierende Kongresspartei wird von einer Frau - Sonia Gandhi - geführt. Der Wunsch nach Söhnen hat in dem Land aber eine lange Tradition.

Mädchen gelten als wirtschaftliche Last - auch weil sie eine riesige Aussteuer in die Ehe mitbringen sollen, wie die Autorin Gita Aravamudan betont. Dagegen würden Söhne als Ernährer betrachtet, die ihre Eltern bis ins hohe Alter versorgen. In ihrem Buch «Disappearing Daughters: The Tragedy of Female Foeticide» (Verschwindende Töchter: Die Tragödie des Tötens weiblicher Föten) hat sich Aravamudan mit dem Thema auseinandergesetzt.

Die Vereinten Nationen werten Indien als den weltweit gefährlichsten Ort für Mädchen. Bis zum fünften Lebensjahr sei ihre Sterblichkeit 75 Prozent höher als die von Jungen.

Welche Dimension das Töten weiblicher Föten erreicht, zeigte eine Studie, die 2006 im britischen Medizinjournal «Lancet» erschien: Die Forscher analysierten die Geburtsraten von 20 Jahren mit dem Schluss, dass in Indien zehn Millionen Mädchen und Frauen «fehlen». Pränatale Bestimmung des Geschlechts und gezielte Abtreibungen kosten demnach jährlich 500.000 weibliche Föten das Leben. «Das ist eine nationale Tragödie», klagt Aravamudan.

Laut Behörden kamen voriges Jahr pro 1000 Jungen 914 Mädchen zur Welt. Weltweit liegt der Durchschnitt bei 950 Mädchen. Besonders schlimm ist die Lage in manchen städtischen Gebieten: Dort sinkt das Verhältnis auf bis zu 770 Mädchen pro 1000 Jungen.

Offenbar haben größerer Wohlstand, bessere Ausbildung und medizinischer Fortschritt in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien die Situation der weiblichen Bevölkerung kaum verbessert. Studien kamen sogar zu einem überraschenden Schluss: Je gebildeter eine Frau, desto eher möchte sie im Fall eines Einzelkindes einen Jungen.

«Das ist fast so, als würden sich Bildung, Wohlstand und Technik gegen weibliche Kinder verschwören», klagt der Unternehmer Harpal Singh. Er leitet die Stiftung Nanhi Chhaan, die sich für Mädchen einsetzt.

Zwar verabschiedete das Parlament schon im Jahr 1994 ein Gesetz gegen den Missbrauch pränataler Geschlechtsbestimmung. Aber an der Umsetzung hapert es: «Seitdem wurden 600 Fälle vor Gericht gebracht, aber es gab nur 80 Verurteilungen», sagt Singh. Zur Abschreckung fordert er ein schärferes Durchgreifen durch Schnellgerichte.

Überdies mahnen Experten Gleichberechtigung in Eigentums- und Erbschaftsfragen oder beim Gehalt an. Der Staat müsse handeln, betont auch die Vorsitzende der Nationalen Kommission zum Schutz von Kinderrechten, Shanta Sinha: «Die Regierung darf nicht nur Alibipolitik betreiben.»

Unternehmer Singh warnt zudem vor anderen Auswirkungen: «Einigen Studien zufolge wird es bis 2025 rund 20 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter geben, die keine Partnerin finden.» dpa

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