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Schwer gesichert hat der Prozess in Leipzig gegen vier Hells Angels begonnen. Sie führten einen Bandenkrieg gegen die Türsteher-Clique der United Tribuns. © dpa
18.07.2017

Tödlicher Machtkampf gegen United Tribuns: Vier Hells Angels vor Gericht

Leipzig. Die Hells Angels sind im Rocker-Milieu längst nicht mehr die unangefochtene Nummer eins. Neue Clans drängen in die angestammten Reviere - mit manchmal tödlichen Folgen. Ein drastischer Leipziger Fall beschäftigt nun ein Gericht.

Im Gerichtssaal kommen sich die Feinde wieder ganz nah. Auf der Anklagebank: vier Rocker der Hells Angels. Und im Publikum sind zwei Reihen voll mit Mitgliedern des neueren Rockerclans United Tribuns, fast alle in hautengen T-Shirts über den trainierten Oberkörpern. In Saal 115 des Leipziger Landgerichts geht es am Montag um Mord.

Bildergalerie: Prozessauftakt: Hells Angels schießen auf United Tribuns

Schwer gesichert hat der Prozess in Leipzig gegen vier Hells Angels begonnen. Sie führten einen Bandenkrieg gegen die Türsteher-Clique der United Tribuns.

Der mutmaßliche Haupttäter, ein heute 31 Jahre alter Hells-Angels-Rocker, soll am 25. Juni vergangenen Jahres in Leipzigs berüchtigter Eisenbahnstraße mehrere Schüsse auf Mitglieder der United Tribuns abgegeben haben. Ein 27-Jähriger starb, zwei Männer wurden lebensgefährlich verletzt. Die anderen drei Angeklagten sollen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit „Gewalttätigkeiten“ beteiligt haben. Ihr Ziel: den Tötungsplan vollenden.

Zum Prozessauftakt wirken die vier Beschuldigten eher unscheinbar auf der von Polizisten abgeschirmten Anklagebank. Einzig der ehemalige Boss der Leipziger Hells Angels, ein 34-Jähriger, bekennt mit einem Harley-Davidson-Langarmshirt Flagge. Sein Leipziger Chapter gibt es nicht mehr. Kurz nach den Schüssen löste sich die lokale Gruppe auf. Die United Tribuns dagegen sind noch aktiv.

Die Fehde zwischen den beiden Clans ist eins der jüngsten Beispiele für Gewalt zwischen etablierten Rockern und Neulingen in dem Milieu. Sie zeigt, wie Revierkonflikte und Machtrangeleien eskalieren können.

Schon in seinem letzten Bundeslagebild Organisierte Kriminalität spricht das Bundeskriminalamt (BKA) von einem Trend zur Gründung «rockerähnlicher Gruppierungen». Damit meint die Behörde Clans, die ähnlich hierarchisch aufgebaut sind wie etablierte Rocker-Gruppen, bei denen das Motorrad aber eine eher untergeordnete Rolle spielt; zum Beispiel die United Tribuns.

2015 gab es gegen solche Gruppen etwas mehr Verfahren im Umfeld Organisierter Kriminalität als im Vorjahr: 14 statt 12. Sieben davon richteten sich gegen die United Tribuns, eine im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen gegründete Gang mit Mitgliedern vorwiegend aus dem Türsteher- und Bodybuilder-Milieu.

Experten beobachten, wie diese Gruppe aus dem Süden zunehmend in andere Bundesländer drängt - auch nach Sachsen. Im Mai 2016 eröffneten die Tribuns laut eigener Facebook-Seite in Leipzig ein Clubhaus - und drangen damit wohl in bislang unangefochtenes Hells-Angels-Gebiet ein. Wenige Wochen später kam es zu den Schüssen.

Details und Hintergründe der Tat sind noch immer unklar. Die eigentlich geplante Verlesung der Anklage wurde unmittelbar nach Auftakt des Prozesses auf den kommenden Termin am 1. August verschoben. Die Verteidiger der vier Hells Angels hatten Einwände gegen die Schöffen und sprachen daher eine sogenannte Besetzungsrüge aus. Außerdem erachteten sie eine psychologische Sachverständige als befangen.

Für den einzigen Schreckmoment des Vormittags sorgt der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf selbst - und das noch bevor überhaupt einer der Angeklagten den Raum betreten hat. „Raus hier“, brüllt er - und meint damit nicht etwa Rocker, sondern eine Handvoll Fotografen, die sich in den Sicherheitsbereich hinter der Richterbank vorgewagt hatten.

Sonst passiert an diesem ersten Tag recht wenig im von unzähligen Polizisten streng gesicherten Gerichtssaal. Provokationen bleiben aus. Nur einer der Tribuns im Publikum muss den Raum verlassen. Er soll bei den Schüssen selbst zugegen gewesen sein und ist damit ein möglicher Zeuge.

Nach Ende der Verhandlung warten draußen Dutzende Tribuns-Rocker - in schwarzen Westen und abgeschirmt von Polizisten. Schließlich ziehen sie ab, in Richtung Innenstadt. Hells Angels sind nicht zu sehen.

Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Die Hells Angels traf es mit Wohnungsdurchsuchungen gleich zweimal, im Dezember 2010 und im März 2012, während die United Tribuns bei einer Razzia im Februar 2011 unter anderem Waffen wie eine scharfe Maschinenpistole mit Schalldämpfer abgegeben mussten. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Im Sommer 2016 machten die „Osmanen“ in Pforzheim von sich reden, eine mutmaßlich aus Istanbul gesteuerte türkisch-nationale Kuttenträger-Vereinigung. In einer Pforzheimer Disko auf der Wilferdinger Höhe wollten sie ein lokales Chapter – gewissermaßen einen Ortsverein – gründen. Die Polizei, die mit starken Kräften vor Ort war und die Personalien der „Osmanen“ aus ganz Deutschland aufnahm, sprach von etwas über 200 Teilnehmern. Bisher, so Erkenntnisse des Landeskriminalamts (LKA), gab es sechs Chapter in Baden-Württemberg: in Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Heilbronn, Konstanz und Ravensburg. Geschuldet war das Großaufgebot der Ordnungsmacht auch der Tatsache, dass man ein mögliches Aufeinandertreffen der „Osmanen“ mit Mitgliedern der kurdisch dominierten, ebenfalls rockerähnlichen Vereinigung „Bahoz“ unbedingt verhindern wollte. tok