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14.01.2008

Über den eigenen Schatten springen

Parkour gehört zu den unbekannteren Sportarten. Obwohl in Film und Fernsehen schon verbreitet, wird Parkour oft nicht als Sportart anerkannt. Dabei steckt sogar eine Philosophie dahinter.

Die Morgensonne taucht die Stadt in ein warmes, orangefarbenes Licht. Ganz ruhig liegt sie da, einzelne Hochhäuser ragen aus ihr empor, die Straßen sind gespickt mit Mauern, Zäunen, Treppen und Geländern. Gespickt mit Hindernissen. Mit Hindernissen, die sie belasten, die den Geist des Menschen belasten. Hindernisse, die überwunden werden wollen. Behutsam fasst sich der Traceur ein Ziel, eine Herausforderung. Eine persönliche Herausforderung, die es zu überwinden gilt. Dann läuft er los.

Was sich eher wie eine neuzeitliche Philosophie anhört, ist in Wirklichkeit eine Sportart. Vor einigen Jahren begründete der Franzose David Belle „Le Parkour“, wie der Sport im französischen heißt. Das Ziel: Auf einem Weg von Punkt A zum selbst gewählten Punkt B alle Hindernisse überwinden, die sich in den Weg stellen. Mauern, Litfaßsäulen, Hochhausschluchten – die Palette ist lang.

Auch in Pforzheim wird der neuartige Sport ausgeführt, insbesondere von der Parkour-Gruppe „Low Gravity“. „Wir sind durch eine Fernsehreportage auf Parkour gekommen. Am nächsten Tag haben wir etwas darüber recherchiert – das war vor zwei Jahren“, berichtet Manuel Schweigert, einer der vier Mitglieder der Gruppe. Inzwischen besteht „Low Gravity“ aus vier „Traceuren“, wie die Parkour-Ausübenden genannt werden. Die vier sind zwischen 18 und 20 Jahre alt, kennen gelernt haben sie sich schon vorher, auf dem Kepler-Gymnasium in Pforzheim.

„Beim Parkour geht es darum, Hindernisse auf dem schnellsten und effizientesten Weg nur mit Hilfe des eigenen Körpers zu überwinden“, fasst Schweigert zusammen. „Die Hindernisse dürfen nicht verändert werden – und dabei muss respektabel mit dem eigenen Körper und der Umwelt umgegangen werden.“ Was für Beobachter leicht wie eine neue, verrückte Trendsportart aussieht, ist laut den Traceuren alles andere als das. „Im Gegensatz zu heutigen Sportarten, wo es heißt, man muss seinem Körper alles abverlangen, kann man bei Parkour einfach nur so viel machen, wie man wirklich will, man wird zu nichts gezwungen“, sagt Schweigert. „Wenn jemand einen Sprung nicht machen will, wird er nicht ausgestoßen, eher wird ihm gratuliert, dass er so vernünftig ist, den Sprung nicht zu machen.“

Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten gibt es bei Parkour keinen Wettbewerb. „Dass es keinen Wettbewerb gibt, ist Teil der Philosophie“, erklärt Johannes Doerk, ebenfalls Traceur bei „Low Gravity“. „Wenn es keinen Wettbewerb gibt, ist die Atmosphäre viel schöner“, ergänzt Schweigert. „Man versucht, jeglichen Neid auszublenden, es ist wirklich nur ein Miteinander. Heutzutage findet man überall die Ellbogengesellschaft vor, bei Parkour ist es einfach anders: Man ist unter sich, man weiß, dass man nichts beweisen muss. Man ist eben frei.“

Verletzungsrisiko wird minimal gehalten

Auch achten Traceure peinlich genau darauf, ihre eigenen Grenzen nicht zu überschreiten und die Verletzungsgefahr so gering wie möglich zu halten. „Es ist kein Extremsport, wie es für manche Leute aussieht, sondern es steckt ein Haufen Training dahinter und wir sind uns unserer Sache hundertprozentig sicher“, so Schweigert. „Wir trainieren so lange, bis wir von unserem Körpergefühl her sagen können: „Ich schaffe den Sprung. Ich habe ihn zwar noch nicht gemacht, aber ich schaffe ihn. Und dann erst kann ich ihn machen.“ Diese Einstellung ist weit verbreitet unter Parkour-Fans: Die eigene Gesundheit ist stets am wichtigsten. Schweigert zitiert Andreas Kalteis, einen bekannten Traceur aus Österreich: „Beim Parkour geht es darum, sich effizient forzubewegen, effizient zu sein, wenig reinzustecken und viel rauszubekommen. Und im Krankenhaus zu landen ist nicht sehr effizient.“

Die Hindernisse, die es beim Parkour zu überwinden gilt, müssen nicht immer physischer Natur sein. Speziell für Johannes Doerk ist Parkour mehr als nur ein Hindernislauf: „Der Anreiz liegt für mich darin, dass ich meine eigenen Grenzen erweitern kann“, sagt er. „Ich hatte am Anfang sehr viel Angst vor den Sprüngen und Bewegungen. Dann habe ich mich langsam herangetastet und bin mit jedem Mal, wenn ich ein Hindernis überwunden habe, wieder etwas stärker und selbstsicherer geworden“, erzählt Doerk. „Man wächst eben auch mental daran, lernt sich selber kennen“, berichtet Schweigert. „Es wird zu einer Lebenseinstellung, über seinen eigenen Schatten zu springen; nicht nur physische Hindernisse, sondern Hindernisse im Leben genauso zu sehen und mit Entschlossenheit hinzugehen und sie zu überwinden.“

Nach Meinung der Traceure von „Low Gravity“ ist Parkour keinesfalls nur eine Sportart für eine Handvoll Abgehobene. „Parkour ist speziell für Anfänger gut geeignet, man spürt sofort den Erfolg, jedes kleine überwundene Hindernis ist ein kleiner Erfolg“, so Schweigert. Wer sich für den Sport interessiert, ist bei „Low Gravity“ jederzeit willkommen. „Wir freuen uns immer, unser Wissen weiterzugeben und hoffen, dass es nicht durch den Boom verfälscht wird“, sagt der 20-jährige weiter. „Wir finden gut, dass es in die Medien kommt, aber die Parkour-Werte sollten weiter vermittelt werden.“ Kein Wettbewerb, kein Risiko, keine Show. Nur das Gefühl von Freiheit.