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Urteil im Mordprozess gegen Pistorius erwartet © dpa
10.09.2014

Urteil im Mordprozess gegen Pistorius erwartet

Im Mordprozess gegen den südafrikanischen Sportler Oscar Pistorius will das Gericht an diesem Donnerstag mit der Urteilsverkündung beginnen. Richterin Thokozile Masipa muss darüber entscheiden, ob der 27-Jährige in der Nacht zum Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich erschoss oder aus Angst vor einem Einbrecher in Panik handelte.

Bildergalerie: Im Mordprozess gegen Pristorius wird am Donnerstag ein Urteil erwartet

Pistorius argumentiert, er habe im Badezimmer einen Fremden vermutet. Beobachter rechnen damit, dass der beinamputierte Paralympics-Star einer Gefängnisstrafe kaum entgehen wird. Der Prozess in Pretoria hatte vor rund sechs Monaten begonnen.In Südafrika ist es üblich, aber nicht zwingend, dass ein Richter das Urteil erst am Ende seiner Ausführungen bekanntgibt. Es sei sogar möglich, dass Masipa ihre Entscheidung erst am Freitag verkündet, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Nathi Mncube, der Nachrichtenagentur dpa.

Das Strafmaß dürfte ohnehin erste mehrere Wochen nach dem Urteil bekanntgemacht werden. In der Zwischenzeit können Freunde und Familie des Angeklagten beim Gericht um Milde bitten.Richterin Masipa hatte sich während des Verfahrens nie anmerken lassen, zu welcher Entscheidung sie tendiert. Sie führte die Verhandlung ruhig und bestimmt - gleichwohl meldete sie sich nur selten selbst zu Wort.Seit den Plädoyers von Staatsanwalt Gerrie Nel und Verteidiger Barry Roux hatte die 66-Jährige vier Wochen Zeit, um sich ihr Urteil über den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse in der Tatnacht zu bilden. Verlassen konnte sie sich dabei fast nur auf Indizien, Gutachten und Zeugenaussagen.Für Pistorius, der 2012 mit seinem Olympia-Start auf Prothesen in London weltweit Furore machte, sind vier Szenarien denkbar: Im für Pistorius schlimmsten Fall könnte sie entscheiden, dass der Sportler seine Freundin nach einem Streit vorsätzlich und kaltblütig tötete.

Als Höchststrafe könnte Masipa lebenslang Gefängnis verhängen - in der Regel kann der Verurteilte dann erst nach 25 Jahren um Gnade bitten. Die Richterin hat allerdings beim Strafmaß einen großen Ermessensspielraum.Masipa könnte auch entscheiden, dass Pistorius zwar rational handelte und bewusst schoss, sich aber selbst in Gefahr sah. Das Urteil könnte dann «Mord ohne Vorsatz» lauten. Das südafrikanische und das deutsche Strafrecht unterscheiden sich, die Begriffe sind nicht ganz deckungsgleich. Oder Masipa folgt der Linie der Verteidigung, die besagt, dass Pistorius seit Jahren unter Ängsten leidet und in besagter Nacht ohne seine Beinprothesen aus einem Reflex heraus schoss, um sein Leben zu retten. Das Urteil könnte lauten: «culpable homicide» (in etwa: fahrlässige Tötung).

Auch ein Freispruch wäre möglich, gilt aber als unwahrscheinlich.Eine Prognose über den Ausgang des spektakulären Prozesses wagt derzeit fast niemand. Grundsätzlich ist von einer lebenslangen Gefängnisstrafe bis zur Bewährungsstrafe alles möglich. Die Richterin hat im südafrikanischen Justizsystem viel Handlungsfreiheit.Wenn Pistorius schuldig gesprochen wird, kann er bis zur Verkündung des Strafmaßes zunächst in das Haus seines Onkels zurückkehren, wo er lebt, seit er im vergangenen Jahr auf Kaution aus der Haft entlassen wurde. Wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kann er erneut einen Antrag auf Kaution stellen. Möglicherweise wäre er dann bis zum Ende eines Berufungsverfahrens in Freiheit - dies kann bis zu ein Jahr dauern.