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Vergewaltigung in Indien: Urteil gegen Jugendlichen erwartet © dpa
10.07.2013

Vergewaltigung in Indien: Urteil gegen Jugendlichen erwartet

Neu Delhi (dpa) - Viele Demonstranten auf den Straßen Indiens haben das Urteil schon gesprochen: «Hängt die Vergewaltiger!», verlangten sie lautstark, immer wieder. Wochenlang demonstrierten junge Männer und Frauen, nachdem eine 23 Jahre alte Physiotherapie-Studentin im Dezember in einem fahrenden Bus von Gruppe von Männernbrutal misshandelt und gefoltert worden war.

Bildergalerie: Vergewaltigungsprozess in Indien: Urteil erwartet

Die Demonstranten hatten genug von der frauenverachtenden Gesellschaft und forderten den Strang für alle sechs mutmaßlichen Täter, auch den Jugendlichen der Bande. Der damals 17-Jährige wurde separat vor ein Jugendgericht gestellt. An diesem Donnerstag soll das Urteil fallen.

Während die volljährigen Verdächtigen Ende Juli oder Anfang August tatsächlich zum Tode verurteilt werden könnten, drohen dem jungen Mann höchstens drei Jahre Haft in einer Erziehungsanstalt. Das sorgt für Empörung. «Menschen, die so ein abscheuliches Verbrechen begangen haben, dürfen nicht so einfach davonkommen», entrüstet sich der jüngere Bruder des Opfers. Das Handeln des Jüngsten sei genauso verwerflich gewesen wie das der anderen Täter. «Sie sollten ein Exempel an ihm statuieren», sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Der Minderjährige sei sogar der Brutalste der Gang gewesen, berichteten indische Medien nach der Tat, und beriefen sich dabei auf die Anklageschrift. Er soll am Abend des 16. Dezember die junge Frau und ihren Begleiter an der Haltestelle in den Bus gelockt haben, indem er vorgab, der Fahrkartenverkäufer zu sein. Als sich die Türen geschlossen hatten, fielen die sechs Täter über das Pärchen her.

Sie schlugen den Freund des Mädchens mit einer Eisenstange nieder und benutzten eine zweite Stange, um sie zu malträtieren. Der 17-Jährige soll vorgeschlagen haben, die beiden danach nackt aus dem Bus zu werfen. Zwei Wochen später starb die Studentin an ihren inneren Verletzungen. Bei der Vernehmung sagten die mutmaßlichen Täter der Polizei, sie hätten die Entführung vorher geplant. Der Älteste der Gruppe, Ram Singh, war der regelmäßige Fahrer des Busses, der Jüngste arbeitete für ihn manchmal als Aushilfskraft.

Der heute 18 Jahre alte Angeklagte verließ die Schule in seinem Dorf in Uttar Pradesh schon nach der dritten Klasse. Denn nach einem Unfall, der das Gehirn seines Vaters dauerhaft schädigte, musste er als ältestes von sechs Kindern seiner Mutter auf dem Feld helfen, wie der «Indian Express» berichtete. Er sei davongelaufen und in der Hauptstadt gelandet. Jahrelang wusch er Teller, kellnerte in Straßenkneipen, verkaufte Milch und Süßigkeiten. Schließlich begann er, in Bussen zu arbeiten.

Der Junge komme aus der ärmsten Schicht der Gesellschaft und die Turbulenzen in seinem Leben müssten bei der Urteilsfindung berücksichtigt werden, meint die Sozialaktivistin Kavita Srivastata. Sie betont, dass Jugendliche in erster Linie nicht bestraft, sondern gebessert werden sollen. «Kinder sind nie kriminell. Sie befinden sich nur im Konflikt mit dem Gesetz», erklärt sie.

Das sieht Anwalt Sukumar ganz anders. «Das Jugendstrafrecht ist eine Einladung an Jugendliche, eine Straftat zu begehen und davonzukommen», meint er. Es sei unfair, so eine scharfe Grenze zu ziehen: Wer auch nur einen Tag jünger als 18 Jahre alt sei, werde in Indien ganz anders für seine Tat zur Rechenschaft gezogen als jemand, der gerade eben volljährig geworden sei. Deshalb habe er gerade eine Petition eingereicht, um dies zu ändern.

Rechtsexperten in Indien erwarten, dass das Gericht den Angeklagten zur vollen dreijährigen Strafe in einem Heim verurteilt. Das schütze auch den jungen Mann, gibt Anwalt A.P. Singh zu bedenken. Er vertritt zwei der erwachsenen Angeklagten in ihrem Verfahren. Einer von ihnen sei sogar im Gefängnis verprügelt und geschlagen worden. Der Angeklagte Ram Singh wurde im März erhängt in seiner Zelle aufgefunden - die Umstände sind bis heute unklar. Anwalt Singh ist sich sicher, was bei einem Freispruch passiert: «Wenn er rauskommt, werden ihn die Menschen töten.»