nach oben
Die immer wieder nackt protestierende Frauengruppe Femen will insbesondere während der Fußball-Europameisterschaft auf die fehlende Demokratie in der Ukraine, auf Menschenhandel, Prostitution und Sextourismus hinweisen. Die EM ist dafür ein idealer Rahmen, um international Aufmerksamkeit zu erregen. © dpa
10.06.2012

Voller Körpereinsatz bei EM: Proteste gegen Sextourismus

Vier halbnackte Frauen gegen zwölf Polizisten: Es ist ein ungleicher Kampf am Rande des EM-Eröffnungsspiels in Warschau. Schreiend protestiert die junge Ukrainerin, als die polnischen Sicherheitskräfte sie vor dem Stadion durch eine Traube von Fans und Fotografen davontragen. Eine ebenfalls barbusige Kollegin reckt kurz ein Plakat mit der Aufschrift «Fuck Euro 2012» in die Höhe, dann wird auch sie abgeführt.

Bildergalerie: Nackt-Proteste bei EM: "Femen" kontra Sextourismus

Noch bevor im Nationalstadion das Spiel von Co-Gastgeber Polen gegen Griechenland (1:1) zu Ende ist, sorgt der ungewöhnliche Protest für Aufregung. «Wir haben unser Ziel erreicht», kommentiert die Bewegung Femen am Sonntag in Kiew die Aktion.

«Natürlich werden wir weitermachen», sagt Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko (21). «Unsere Mission ist, jede Veranstaltung, die mit der EM verbunden ist, anzugreifen. Und unsere Aktionen werden mit jedem Mal größer.» An diesem Montag, wenn in Kiew der ukrainische Staatschef Viktor Janukowitsch zum Spiel Ukraine gegen Schweden erwartet wird, sind die Behörden am Stadion in Alarmbereitschaft.

Seit 2008 streiten die Aktivistinnen der ukrainischen Organisation mit klaren Worten und nackten Brüsten für mehr Demokratie im Co-Gastgeberland der Europameisterschaft. Die Frauen protestieren gegen die aus ihrer Sicht zunehmend autoritäre Politik des seit zwei Jahren regierenden Präsidenten Janukowitsch, vor allem aber gegen Menschenhandel und Prostitution in der Ex-Sowjetrepublik. Ihr wichtigster Gegner heißt aktuell aber Fußball. Die vierwöchige EM locke Tausende Sextouristen an, fürchtet die Gruppe - und das in ein Land mit der höchsten HIV-Ansteckungsrate in Europa. Bis zum EM-Finale am 1. Juli in Kiew wollen sie «sehr viel Krawall» machen.

Femen sieht sich im Kampf gegen eine Welt, in der Männer die Macht haben, wie Chefin Anna Guzol (27) sagt. Die Ukraine ist als Aktionsraum dabei nicht mehr groß genug. In Zimmermädchen-Outfits protestierten die Frauen im vergangenen Oktober in Paris vor dem Haus von Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sowie auf dem Petersplatz in Rom schrien sie mit entblößten Brüsten Parolen gegen häusliche Gewalt. Konkreter Erfolg ist nicht messbar, aber die Bilder waren am nächsten Tag weltweit in vielen Zeitungen. «Unsere Brüste sind unsere Waffen», sagt Inna Schewtschenko. «Wir sind eine kleine Armee, aber eine starke.»

Der Kampf ist nicht ohne Risiko. Da die ukrainischen Behörden die Organisation nicht als politische Gruppierung anerkennen, werden die Frauen immer wieder «wegen Ruhestörung» festgenommen. Im autoritären Weißrussland seien sie sogar von der Miliz in einem Wald misshandelt und nackt ausgesetzt worden. Aber nicht nur bei Behörden stoßen die schrillen Aktionen der Femen(istinnen), von deren etwa 300 Mitstreiterinnen rund zwei Dutzend aktiv dabei sind, auf Widerstand. Die Frauen würden inzwischen nur noch «als diese jungen hübschen Dinger aus der Ukraine wahrgenommen, die sich überall ausziehen», kritisiert etwa die renommierte Autorin Oxana Sabuschko (51).

«Wir tun es für unser Land», sagt Inna Schewtschenko. «Wir wollen diese sexistische EM-Mafia nicht.» Femen habe einen Brief an den Chef der Europäischen Fußball-Union UEFA, Michel Platini, geschrieben, aber der habe nicht geantwortet. «Also schreien wir.» In dem Café im Zentrum, in dem die Frauen früher ihre Aktionen planten, treffen sie sich heute nicht mehr. «Zu viele Ohren», sagt Anna Guzol vieldeutig. In dem Café kann die Gruppe aber finanziell unterstützt werden: durch den Kauf von Fanartikeln. Es dürfte ungewollt sein - aber der Schrank mit den Tassen und T-Shirts mit Femen-Logo gleicht den kommerziellen EM-Souvenirständen in der Fanzone in diesen Tagen ungemein. dpa