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Nicht verwirren lassen: Es sind keine Blutstropfen, sondern rote Blüten auf Robbie Williams Hemd. Der Brite ist zahm geworden. Foto: Sony Music
Nicht verwirren lassen: Es sind keine Blutstropfen, sondern rote Blüten auf Robbie Williams Hemd. Der Brite ist zahm geworden. Foto: Sony Music
28.10.2016

Vom Saulus zum Paulus: Robbie Williams im PZ-Interview

Er hat das Rauchen wieder angefangen. Aber das war es auch schon mit den Lastern. Robbie Williams (42) wirkt schlank und motiviert, als wir ihn abends im Berliner Hotel „Ritz Carlton“ treffen. Im Interview anlässlich seines elften Albums „The Heavy Entertainment Show“ (typischer Robbie-Pop-Rundumschlag mit Gästen wie The Killers, Ed Sheeran und Rufus Wainwright) lässt er sein Gegenüber nicht aus den Augen, sitzt ganz vorne auf der Sesselkante und wirkt ein ganz klein bisschen so, als wolle er noch irgendwie Beute reißen. Im Gespräch wird dann klar: Der Mann hat einfach Hunger.

PZ: Robbie, deine neue Single heißt „Party Like A Russian“. Wie machen sie denn Party, die Russen?

Robbie Williams: Massiv und ausschweifend. Kein Vergleich zu den Deutschen und zu den Engländern, die ja so gerne denken, sie wären die geilsten Partyhengste. Vergiss es, Russen spielen in einer höheren Liga. Das ist echt Hardcore. Niemand macht Party wie die Russen.

PZ: Woher weißt du das so genau? Hast du recherchiert?

Ich war da! An meinem eigenen Leib habe ich russische Partys erlebt. Es war wirklich größer, härter, mächtiger als ich es je gesehen hatte. Die dicksten Eier, die größten Brüste, ich ziehe meinen Hut. So geil. Wodka, Schnaps, Mädchen, Jungs, Mode, Nacktheit. Wow. Der Song soll den Geist einer solchen Party einfangen, er ist eine Ode an den Hedonismus.

PZ: Wann war denn deine letzte Russenparty?

Ich mache all das nicht mehr. Aber ich habe noch diese Mentalität tief in meinem Inneren drin. Ich bin ein sehr böser Junge, der lieb geworden ist.

PZ: Wo versteckt sich der böse Robbie?

Der besucht mich jede Nacht in meinen Träumen. Im Ernst.

PZ: Und du lebst ihn in deiner Musik aus. „Pretty Woman“, geschrieben von Ed Sheeran, handelt von einem Abend im Strip-Club. Auch in „Hotel Crazy“, einem funky Duett mit Rufus Wainwright, wird ordentlich die Sau rausgelassen.

Ich fürchte, das sind eher die Phantasien dieser beiden wunderbaren Herren. Ich weiß nicht, was die beiden partymäßig so drauf haben, aber zumindest Ed ist ja noch jung. Ich hoffe, er macht es wild, ist aber, glaube ich, gerade sehr in seine Freundin verliebt und kuschelt.

PZ: Vermisst du das Leben des jungen, ungestümen Robbie?

Die ehrliche Antwort lautet: nein. Mir fehlt das nicht. Ich bin sogar froh, dass ich das nicht mehr machen muss. Ich würde das körperlich nicht schaffen, ich will und kann den Preis nicht mehr bezahlen. Die fürchterlichen Kater, die Kopfschmerzen, die Depressionen – das ist es nicht wert. Je älter du wirst, desto kürzer werden die Höhepunkte und die Euphorie, das Verhältnis stimmt nicht mehr.

PZ: Bereust du dein früheres Leben?

Nein. Ich bin froh, dass ich gemacht habe, was ich gemacht habe, als ich es gemacht habe. Weil es eine echte Lebenserfahrung war, die auch Spaß machen konnte. In guten Phasen war das unglaublich aufputschend und geil, am Ende hätte ich jedoch fast mit meinem Leben bezahlt.

PZ: Wirklich? War es so extrem?

Yeah, yeah. Ich trieb es bunter und wilder und krasser als irgendwer sonst in meinem Umfeld. Wir dachten, wir wären die Größten, die 24-Stunden-am-Tag-Party-Gang. Aber in Wirklichkeit war dieses Verhalten die Overtüre für die Entscheidung, entweder zu sterben oder in den Entzug zu gehen und sauber zu werden. Ich ging in den Entzug. Die eindeutig bessere Option.

PZ: Auf deinem Album gibt es die süße Ballade „Love My Life“. Wem sagst du in dem Song, er oder sie sei „schön“, „Stark“, wundervoll“ und „frei“?

Ein wenig mir selbst. Aber ich richte den Song vor allem an Teddy, meine Tochter, und auch an Charlie, meinen Sohn. In meiner Therapie habe ich gelernt, dass alles auf die Kindheit zurückzuführen ist, auf die Beziehungen zu unseren Familien, unseren Eltern. Ich hoffe, dass ich meinen Kindern genug Grundierung und Unterstützung und Liebe werde geben können, damit sie nicht so kaputt und abgefuckt werden wie ich es einmal war. Ich liebe meine Frau und meine Kinder über alles. Ich muss und ich möchte mental und körperlich für sie da sein, sie umsorgen und verlässlich sein.

PZ: Ist deine Frau Ayda Field das vernünftige Gegengewicht in eurer Ehe?

Ähem, nee. Meine Frau ist mir ziemlich ähnlich. Sie ist auch ein bisschen durch den Wind, verrückt, chaotisch. Ich habe mich immer hingezogen gefühlt zu schrägen Menschen. Und auch die Kinder sollen später bitte nicht zu vernünftig und spießig werden, denn das ist langweilig (lacht).

PZ: Was ist dir bei der Erziehung wichtig?

Ich will nicht, dass die beiden sich eines Tages so sehr hassen, wie ich mich als Jugendlicher gehasst habe. Ich hoffe, mit der Liebe, die wir ihnen geben, haben sei eine Chance. Bis jetzt sind sie sehr glücklich, sie haben eine tolle Zeit. Und sagen wir so, sie leben nicht einer vergleichbaren Welt zu der Welt, in der ich als Vierjähriger lebte. Was für die Kids normal ist, wäre für mich surreal gewesen.

PZ: Gebt ihr den beiden zu verstehen, dass nicht alle Kinder in so einer reichen und behüteten Welt aufwachsen?

Nein, davon haben sie noch keine Ahnung. Ich will die beiden gern so lange wie möglich von der harschen Wirklichkeit fernhalten. Die sollen die Unschuld ihrer Kindheit behalten, so lange es geht.

PZ: Weil du denkst, dass deine Kindheit mit 16, als du bei Take That eingestiegen bist, zu früh vorbei war?

Nein, eher, weil ich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen will. Wir hatten damals kein Geld, und dann trennten sich meine Eltern, als ich drei Jahre alt war. Das verursachte ein schreckliches Chaos in unserer Familie.

PZ: Wie zufrieden bist du nach vier Jahre mit deiner Leistung als Vater?

Ich schlage mich ganz ordentlich. Ich bin ein arbeitender Vater, mein Beruf ermöglicht uns einen Lebensstil, den ich mir niemals hätte träumen lassen, und mein ganzes Leben erscheint mir heute sinnvoller, als ich es früher für möglich gehalten hätte. Aber noch ist es einfach, ein guter Dad zu sein. Ich liebe die beiden, sie lieben mich, sie wollen bei mir sein, und ich will bei ihnen sein. Sie sind bei mir sicher. Also bis jetzt: Jawohl, guter Job.

PZ: Wer ist der „Motherfucker“ in besagtem Song?

Oh, Charlie. Sein Name ist Charlton Valentine Williams, also wenn das mit 13 kein krasser, cooler Kerl wird, dann weiß ich es auch nicht. Ich hätte mir mit 13 gewünscht, dass jemand solch ein Stück über mich schreibt. Denn der 13-jährige Robbie war ein echt schlimmer Finger, mit Naivität, Blödheit und Mut verschaffte ich mir Erlebnisse, die meinem Alter noch nicht angemessen waren.

PZ: Im Text verkauft ein Onkel Drogen. Habt ihr echt einen Dealer in der Familie?

(lacht) Das ist ein fiktiver Bruder meiner Frau.

PZ: Im Song „The Heavy Entertainment Show“ behauptest du, du würdest deine Kinder für einen Hit in Belgien verkaufen. Trifft das wirklich zu?

Nein, nein, es müssten schon alle Beneluxländer zusammen sein. Obwohl, die sind ziemlich klein. Nehmen wir noch Asien dazu. In China bin ich so gut wie unbekannt, während Maroon 5 dort Tausende von Tickets verkauft haben.

PZ: „The Heavy Entertainment Show“ ist dein elftes Album. Bist du noch immer nervös, wie neue Songs bei den Leuten ankommen?

Oh ja, tierisch. Das geht auch nicht weg. Ich spüre ein sehr schweres Gewicht auf meinen Schultern. Ich will das Schiff, das meine Karriere ist, weiterlaufen lassen, auch, wenn die Gewässer mal unruhig sind. Ich will auch mein nicht gerade kleines Ego zufriedenstellen. Ich weiß nicht, ob mein Ego es aushielte, wenn die Fans plötzlich alle weg wären.

PZ: Schaust du im Internet nach, was über dich geschrieben wird?

Ja. Das ist eine Sucht. Ich werde oft total wütend, und doch macht es mich auf eine komische Art glücklich, im Netz nach mir selbst zu suchen.

PZ: Du wirkst so schlank wie lange nicht mehr. Hast du ein neues Trainingsprogramm?

Ich trainiere schon lange gar nicht mehr. Geht nicht. Übler Rücken. Alles, was ich tue, um fit auszusehen, ist nichts mehr zu essen. Ich bin auf Diät. Da ich von Natur aus nicht sehr muskulös bin, sehe ich durchtrainiert aus, wenn ich in Wirklichkeit nur die Kalorien zähle.

PZ: Aber wenn du so wenig isst, dann hast du doch immer Hunger.

Du bringst es auf den Punkt. Ich bin hungrig, verwirrt, niedergeschlagen, nichts essen ist Mist. Ich will das auch um Gottes Willen nicht weiterempfehlen. Vor ein paar Tagen sprach ich mit einer sehr mächtigen Figur in der Modeindustrie, ich sagte „Du siehst super aus“, und er nur „Ach scheiße, weil ich nichts mehr esse“. Wir verglichen unsere Kalorien, beide nur noch 1400 am Tag. Mann.

PZ: Denkst du nicht manchmal abends im Bett, wie geil jetzt doch so eine Tüte Chips wäre?

Du bist gemein. Das wäre das Geilste überhaupt, logisch. Man ringt die ganze Zeit mit einem wütenden, bedürftigen, gierigen Bären. Aber was sein muss, muss sein. Ich will nicht als Moppel-Robbie auf der Bühne stehen.

PZ: Du kommst aus der Arbeiterklasse. Verstehst du Leute, die für den Brexit gestimmt haben oder Donald Trump gut finden?

Ich habe kein Interesse an und keine Ahnung von Politik. In Großbritannien gab es auch noch nie jemanden, bei dem ich dachte, den will ich jetzt wählen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch an keiner Wahl teilgenommen. Sorry, einfach nicht mein Ding. Ich bin ein bisschen dumm, wenn es um politische Fragen geht.

PZ: Was sind deine Pläne?

Ich will 2017 auf Tournee gehen und daran arbeiten, so wenig Menschen zu beleidigen wie möglich. Ich möchte keine internationalen Zwischenfälle verursachen, keine diplomatischen Krisen. Leider habe ich eine große Klappe und denke vor dem Reden nicht viel nach, deshalb kann es gut passieren, dass der eine oder andere echte sauer wird auf mich.