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Von Pferde-Lasagne bis Ross-Ravioli: Skandal ohne Folgen? © dpa
05.02.2014

Von Pferde-Lasagne bis Ross-Ravioli: Skandal ohne Folgen?

Brüssel/Paris. «Anteile von Pferdefleisch auch bei Lasagne in Deutschland»: Am 13. Februar vergangenen Jahres erreichte einer der bislang größten Lebensmittelskandale Europas auch die Bundesrepublik. Im Verlauf der folgenden Tage und Wochen entdecken Kontrolleure zahlreiche andere Produkten, die als Rindfleisch deklariertes Pferdefleisch enthielten.

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Das Kontrollsystem der Supermarktketten habe «offensichtlich versagt», wetterte die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Der Verkauf von Tiefkühlfertigprodukten brach zeitweise drastisch ein.

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Wer weitreichende politische Konsequenzen erwartet hat, dürfte enttäuscht sein. Viele europäische Politiker und Verbraucherschützer sprachen sich zwar wieder einmal für neue EU-Kennzeichnungspflichten, schärfere Kontrollen und härtere Strafen aus. Die Umsetzung solcher Projekte lässt aber auf sich warten - zu unterschiedlich sind offensichtlich die Positionen und Interessen der Beteiligten.

Zum Beispiel bei der Frage von Strafen. Während die einen mehr Abschreckung fordern, geben sich andere zurückhaltend. Die Gerichte schöpften den bestehenden Strafrahmen bereits jetzt selten aus, zudem sei die Sensibilität auch in der Industrie gewachsen, heißt es beispielsweise aus dem Bundesernährungsministerium.

Stattdessen setzt man im Ministerium auf Verantwortungsbewusstsein bei Produzenten und Händlern. «Wir gehen davon aus, dass sich auch die Lebensmittelunternehmen mit ihren Eigenkontrollen darauf eingestellt haben, solche Betrugsfälle künftig zu verhindern», sagte eine Sprecherin jüngst der Nachrichtenagentur dpa.

Auch die EU will sich durch den Skandal nicht unter Druck setzen lassen. Gegen Lebensmittelbetrug vorzugehen, sei Sache der einzelnen Staaten, sagt Frédéric Vincent, Sprecher von EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg. Es gebe aber mittlerweile auch in der Kommission ein kleines Team von Experten, das das Thema im Auge behalte. Bis zum Sommer sei eine weitere Testrunde auf Pferdefleisch in Zusammenarbeit mit nationalen Behörden vorgesehen. Im Idealfall könnte es zudem von 2015 an einen EU-Standard für die Papiere von Schlachtpferden geben.

Noch immer völlig unklar ist, ob Verbraucher längerfristig genauere Angaben zur Herkunft der Fleischzutaten in Fertigprodukten erwarten können. Vor allem Frankreich drängt auf eine solche Kennzeichnungspflicht für Hersteller. Vermutlich in der stillen Hoffnung, so unterstellen Kritiker, dass Verbraucher eher Fertigprodukte mit französischem als beispielsweise bulgarischem oder chinesischem Fleisch kaufen. Profitieren würde damit die französische Agrarwirtschaft. Auch Deutschland unterstützt die Pläne.

Die EU-Kommission sieht den Vorstoß eher skeptisch. Die Verbraucher möchten zwar gerne wissen, wo das von ihnen gegessene Fleisch herkommt - bezahlen wollen sie die teils erheblichen Mehrkosten für diese Information aber nicht, argumentiert die Brüsseler Behörde in einem jüngst veröffentlichten Bericht zum Thema. Sie hat errechnet, dass je alleine bei den Produzenten die zusätzlichen Kosten um bis zu 50 Prozent steigen könnten - je nach Produkt und Genauigkeit der Kennzeichnung.

Vom Tisch ist das Thema Fleischbetrug jedenfalls noch nicht. Wie wenig sich echte Betrüger um Kontrollen und ihre möglichen Folgen scheren, zeigte ein neuer Skandal kurz vor dem Weihnachtsfest. Nach Ermittlungen von Fahndern wurden in Frankreich von Pharmakonzernen zur Antikörperherstellung genutzte Pferde in Schlachthöfen illegal zu Lebensmitteln verarbeitet. Schuld sollen skrupellose Zwischenhändler sein, die die Papiere der Pferde fälschten.

Unterdessen ist nicht einmal der erste Pferdefleischskandal vollständig aufgeklärt. Der niederländische Großhändler Willy Selten muss zwar eine Haftstrafe fürchten. Er beteuert allerdings seine Unschuld und der Prozess steht noch aus. Und in Frankreich schaffte es der Betrieb Spanghero, die Aufmerksamkeit zumindest teilweise auf drohende Arbeitsplatzverluste wegen abgesprungener Kunden zu lenken.

Verbraucherschützer sehen die Entwicklung mit Sorge. Das gegenwärtige Kontrollregime sei zu lasch, schimpft Monique Goyens, Chefin der europäischen Verbraucherorganisation BEUC. «Klarere Etiketten und strengere Kontrollen müssen umgesetzt werden, um Hersteller stärker haftbar zu machen für das, was sie in unser Essen packen.» Nötig seien auch höhere Strafen sowie unabhängige Kontrollen.

Für die Nahrungsmittelindustrie hielten sich die Konsequenzen des Skandals nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens GfK in Grenzen. Zwar brach der Absatz von Tiefkühlfertigprodukten in den Wochen nach dem Bekanntwerden der Betrugsfälle stark ein. «Bereits nach einigen Monaten sind viele Verbraucher aber wieder zu ihren ursprünglichen Kauf- und Konsumgewohnheiten zurückgekehrt», sagt GfK-Expertin Ilona Beuth. Vielleicht auch deswegen, weil Experten darauf hinweisen, dass Pferdefleisch keineswegs ungesünder ist als Rind oder Schwein.