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13.07.2008

Warten bei Eierlikör und Kirschwasser auf das Schlapphut-Phänomen

Sechs Nachwuchsbands kämpften am Samstag in Calw um den Panikpreis. Das Publikum kämpfte vor allem um eines: um eine möglichst gute Sicht auf Udo Lindenberg. Denn der begeistert sie alle. Wie kaum ein anderer versteht es der erstaunlich zierliche Sänger mit Hut, Charme und Eierlikör die ganze Welt um den Finger zu wickeln.

In der Hermann-Hesse-Geburtsstadt findet nicht nur die Endausscheidung für den Panikpreis statt, hier will Lindenberg persönlich mit der Siegerband auftreten und danach die Massen rocken. Und im Vorfeld gibt er im Hesse-Museum eine kleine Pressekonferenz. Ganz wichtig dabei: Eierlikör, soweit das Auge reicht. In Gläsern, in Flaschen und in der Torte. Es ist 16 Uhr, und die Sonne scheint durchs Fenster herein. Endlich zeigt eine Dame Erbarmen und reicht Gläser mit durchsichtiger statt zähflüssiger, gelblicher Flüssigkeit herum. „Wasser?“, fragt ein durstiger Journalist hoffnungsvoll. „Kirschwasser“, entgegnet sie lapidar.

„Jetzt brauche ich erst einmal etwas zum Gurgeln“

Mit dem obligatorischen Viertelstündchen Verspätung betritt Lindenberg den Saal, ein fröhliches „Hallo!“ auf den Lippen, unprätentiös und beinahe unauffällig – wäre da nicht die Schar aus Security- und Kameraleuten, die ihm auf dem Fuße folgt. „Jetzt brauche ich erst einmal etwas zum Gurgeln“, verkündet er sofort und freut sich, als auch er ein Gläschen Eierlikör, sein nicht mehr ganz so geheimes Rezept gegen das Altern, ausgehändigt bekommt. Ob es etwas nutzt? „Der ist ja schwer alt geworden, der Junge“, zischelt einer der Umstehenden. „Aber noch gut drauf für sein Alter“, fügt er hinzu.

Lindenbergs Markenzeichen, der tief ins Gesicht gedrückte Schlapphut und die riesige Sonnenbrille über den Augen, verhindern genauere Rückschlüsse. Das, was von seinem Gesicht zu sehen ist, ist jedenfalls erstaunlich faltenlos – und gut drauf ist der Sänger wirklich. Begeisterte Kinder umschwirren ihn. Für ihre Fragen nimmt er sich als erstes Zeit. Kameras verfolgen ihn auf Schritt und Tritt, doch die Journalisten müssen sich noch ein wenig gedulden. Dafür gibt es ja den Eierlikör. Dann werden Erinnerungsfotos geschossen – einmal „Cheeese“, bitte – und dann zaubert ein Herr einen goldenen Hut hervor und bittet um ein kleines Fotoshooting. Lindenberg macht geduldig alles mit. Nur sein Likörglas, das lässt er nicht aus der Hand.

Souveränität und bodenständige Freundlichkeit

„Ich mache mein eigenes Ding“, verkündet er. „Hermann Hesse hat ja auch sein eigenes Ding gemacht.“ Und zu dem verspüre er eine „ganz starke Verwandtschaft“. Lindenberg liebt Hesse und seine Fans lieben alle beide. „Ich hab‘ den Udo für mich entdeckt, als ich 13 war“, erzählt ein junger Mann, vom Hut bis zu den Streifenhosen ganz im Udo-Stil gekleidet. „Seit kurzem lese ich auch Hesse – und ich fühle mich beiden sehr verbunden.“

Lindenberg hält nichts von „Superstarschrott und ähnlichem Gesülze“, dafür umso mehr von „geiler Musik und krassen Texten“. Und was auch immer man von ihm halten mag – er selbst hat diese Kriterien stets erfüllt. Lindenberg pflegt sein Image, poliert es immer wieder auf durch sorgfältig einstudierte Posen, durch Accessoires wie Hut und Sonnenbrille, Likörglas oder Zigarre. Diese Selbstinszenierung scheint ihm Spaß zu machen. Nötig allerdings hat er das nicht – denn seinen Kultstatus hat ihm die Musik verschafft.

Und trotz aller Rockstar-Attitüden, trotz der rauen, von durchzechten Nächten zeugenden Stimme, trotz Sonnenbrille und schnoddriger Sprache – seine guten Manieren kann Lindenberg nicht verleugnen. Er wirkt gelassen, besticht durch intensive Ausstrahlung und bodenständige Freundlichkeit. Seine Souveränität lässt den kleinen Mann sehr viel größer wirken, als er tatsächlich ist.

Die meiste Zeit verbringt er damit, sich bei anderen Leuten zu bedanken. Bei seinen Schwestern, die ihn nach Calw begleitet haben, bei seiner Fotografin, der er gleich einmal seinen Hut überstülpt, bei seinem Bodyguard, seinen Homepage-Managern, bei der Jury und überhaupt allen, die ihn kennen und lieben.

Es geht ab wie ein Zäpfchen

Der goldene Hut lässt ihn förmlich erstrahlen, macht ihn 20 Jahre jünger und lebendiger denn je. „Wie ein Engelchen“, kommentiert ein Umstehender halb spöttisch, halb andächtig. Doch Lindenberg ist durchaus menschlich. Während er redet, spielt er mit seinem Kugelschreiber, kommt den Menschen dabei sehr nahe. Wer weiter hinten steht, darf sich im Lippenlesen üben, denn die raue, etwas nuschelige Stimme ist ohne Mikrofon schwer zu verstehen.

Laut wird Lindenberg nur, wenn er den eifrig knipsenden Kameras zuprostet. „Yeeeaaaaaaah“, tönt es, dass auf dem Marktplatz die Tauben wegflattern. „Wie ein Zäpfchen“ gehe seine neue Platte ab – und die Freude darüber verhehlt er nicht. „Und hier geht es auch gleich ab, da fliegt mir der Hut weg“, verkündet er vergnügt.

Doch die Nachwuchsbands, die er derart enthusiastisch ankündigt – das ist der Wermutstropfen seiner Beliebtheit – sind für die meisten nur zweitrangig. „Wir sind wegen Udo hier“, erklären die Fans einstimmig. Zum Teil 600 Kilometer gereist sind sie, um ihr Idol live erleben, ihm vielleicht sogar einmal die Hand schütteln zu dürfen – und nicht, um hoffnungsvolle Jungtalente wie „Wirksystem“ aus Pforzheim oder die späteren Panikpreis-Sieger „Angelas Park“ zu bestaunen. Als dann die erste Band loslegt, sind die Reaktionen in den Häusern rund um Marktplatz geteilt. Manche hängen sich neugierig aus den Fenstern, andere ziehen rasch die Vorhänge zu. Als Udo die Bühne betritt, werden sämtliche Fenster weit geöffnet.