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Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag. Wird es eine Neuauflage der GroKo geben? Foto: Mi
Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag. Wird es eine Neuauflage der GroKo geben? Foto: Michael Kappeler/Archiv
20.12.2017

Was die Bürger von einer großen Koalition erwarten können

Berlin (dpa) - Ausgerechnet an seinem Geburtstag legt Martin Schulz mit den Spitzen der Union den Fahrplan für Sondierungen fest. Was wünscht sich der SPD-Chef von der Union? Das blieb offen.Es steht immer noch in den Sternen, ob es überhaupt wieder zur großen Koalition kommt. Doch vereinbaren die Parteien 15 Themenbereiche, über die sie reden wollen. Ein schwarz-rotes Bündnis - für wen könnte es was bedeuten?

STEUERZAHLER: Entlastungen wollen sowohl Union als auch SPD - die Union für alle, die SPD für Klein- und Mittel-Verdiener. Die Union will die Einkommensteuer um 15 Milliarden Euro senken und den Solidaritätszuschlag für alle ab 2020 abschaffen. Die SPD will den Zuschlag für die unteren und mittleren Einkommen abschaffen und so Entlastungen um 10 Milliarden Euro schaffen. Um weitere 2 Milliarden sollen Arbeitnehmer bei der Einkommenssteuer entlastet werden. Dafür sollen Erben und Reiche stärker zur Kasse gebeten werden, der Spitzensteuersatz soll steigen. Den Soli will die SPD stufenweise abschmelzen. Union und SPD wollen aber auch viel ausgeben.

ARBEITGEBER: Ihre Verbände fürchten neue Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt und höhere Kosten durch steigende Sozialbeiträge, wenn die SPD mitregiert. Die Union verspricht stabile Lohnnebenkosten. Schwarz-Rot dürfte auf Druck der SPD wohl Dinge auf den Weg bringen, die die Flexibilität auf dem Jobmarkt aus Arbeitgebersicht einschränken - etwa das Recht auf die Rückkehr von Teil- zur Vollzeit. Auch ein Aus für Befristungen ohne Sachgrund ist für die SPD zentral. Union und SPD könnten bei der Arbeitszeit aber mehr Spielräume für die Tarifpartner vorsehen.

ARBEITNEHMER: So dürfte es für die Beschäftigten also neue Rechte geben, etwa auf befristete Teilzeit. Als prekär eingestufte, etwa befristete Jobs will die SPD eindämmen. Am Ende könnte es auf Kompromisse ankommen. Beispiel Arbeitslosengeld Q: Arbeitslose, die binnen drei Monaten nichts Neues haben, sollen nach dem Willen der SPD während einer Weiterbildung das neue Arbeitslosengeld bekommen. Auch wenn das nicht in Reinform kommt, könnte es auf mehr Beiträge der Bundesagentur für Arbeit für Qualifizierungen hinauslaufen.

RENTNER: Verbesserungen dürfte es für langjährige Geringverdiener geben, die im Alter Grundsicherung brauchen. Die SPD strebt für sie eine Solidarrente zehn Prozent über dem Grundsicherungsanspruch an. Auch in der CDU will man hier etwas tun, aber wohl anders. Angesichts von Widerstand in der Union ist jedoch zweifelhaft, ob die SPD sich damit durchsetzen kann, die Rente für die kommenden Jahrzehnte grundsätzlich zu stärken: Sie will das Rentenniveau - das Verhältnis der Rente zum Einkommen - mit vielen Steuermilliarden stabil halten. Wegen Kosten von 7 Milliarden Euro ist bei CDU und SPD der CSU-Plan einer erweiterten Mütterrente wenig beliebt.

KRANKENVERSICHERTE: Hier sind Kompromisse gefragt. Denn CDU/CSU wollen auf keinen Fall das SPD-Prestigeprojekt Bürgerversicherung mitmachen. Also könnte es beim Nebeneinander von gesetzlicher und privater Versicherung blieben. Aber die Mitglieder der Krankenkassen könnten die Kostensteigerungen nicht länger allein schultern müssen. Dies geschieht heute über Zusatzbeiträge. Diese von den Arbeitgebern nicht mitfinanzierten Aufschläge könnten gedeckelt oder abgeschafft werden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat auch schon signalisiert, dass sie mit der SPD «Unzulänglichkeiten bei der Ärzteversorgung und der Personalausstattung in Krankenhäusern» angehen will. Für mehr Klinikpersonal und Landärzte könnte also mehr Geld fließen.

PFLEGEBEDÜRFTIGE: Auch in der Altenpflege dürfte sich angesichts wachsender Pflegelücken und hoher Zusatzkosten fürs Heim etwas tun. Ein Sofortprogramm für mehr Altenpfleger will die SPD. Merkel und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) haben sich zum Ziel bekannt, dass Altenpfleger mehr verdienen sollen. Auch mehr Personal will Gröhe in den Heimen. Kinder von Pflegebedürftigen sollen laut Union erst ab 100 000 Euro Einkommen die Kosten mitfinanzieren müssen.

FAMILIEN: Für sie soll es mehr Geld geben. So will die Union den Kinderfreibetrag auf das Niveau des Erwachsenenfreibetrags anheben und das Kindergeld um jeweils 25 Euro erhöhen. Sie verspricht 300 Euro mehr pro Kind und Jahr. Die SPD legt das Augenmerk auf Geringverdiener. Für 168 000 Kinder floss 2016 der Kinderzuschlag, der ein Abrutschen in Hartz IV wegen Kindern verhindern soll - viele nutzen ihn aber nicht. Die SPD will für Niedrigverdiener Kinderzuschlag und -geld zum «erweiterten Kindergeld» zusammenfassen.

SELBSTSTÄNDIGE: Im Sozialen dürfte sich für sie etwas tun. So will die SPD nicht anders abgesicherte Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen. Auch in der Union sieht man hier Handlungsbedarf. In den Fokus stellen CDU/CSU Vorteile von Selbstständigkeit als Wirtschaftsmotor: Sie wollen Hürden für Unternehmensgründungen und Start-ups abbauen. Aber auch die SPD will Selbstständige und kleine und mittlere Unternehmen von Bürokratie etwas bei Buchführungs- und Aufzeichnungspflichten befreien.

LANGZEITARBEITSLOSE: Für Menschen ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt wollen Union und SPD mehr öffentlich bezuschusste Jobs.

SCHULKINDER: Sie sollen in modernere Schulen gehen: mit sanierten Gebäuden und schnellem Internet. Beim Ziel von mehr Ganztagsangeboten will die SPD mit einem Rechtsanspruch für Grundschüler anfangen - für sie will die Union ein Recht auf bedarfsgerechte Betreuung.

INTERNETNUTZER: Alle sind sich einig: Für sie muss kräftig investiert werden. Breitband für alle verspricht die SPD. Daten in Echtzeit für alle will die Union verfügbar machen. Bis 2025 wollen Union und SPD modernste Netze möglichst flächendeckend ausbauen.

POLIZISTEN: Sie sollen durch mehr Kollegen entlastet werden. Union und SPD versprechen 15 000 neue Stellen bei der Polizei in Bund und Ländern. Die Bürger sollen sich sicherer fühlen.

MIGRANTEN: Die Linie eine großen Koalition könnte lauten: Zuwanderung begrenzen und steuern. CDU und CSU pochen auf ihren Kompromiss vom Oktober, dem zufolge es nicht mehr als 200 000 Flüchtlinge pro Jahr geben und der Familiennachzug ausgesetzt bleiben soll. Ein Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz soll gegen Personalmangel helfen. Die SPD will eine systematisch gesteuerte Zuwanderung durch ein Zuwanderungsgesetz. Den Familiennachzug will sie nicht weiter aussetzen. Eine Obergrenze für Flüchtlinge lehnte sie bislang ab.