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21.03.2012

Wasserkrise in Indien: Schlägereien am Wasserhahn

Jeden Morgen wartet die Familie von Rajinder Singh vor dem aufgedrehten Wasserhahn. Sobald die ersten Tropfen zögerlich in den Eimer fallen, beginnt im Haus des Ladenbesitzers der tägliche Stress - baden, Wäsche waschen, soviel Wasser wie möglich in einem Tank auffangen. Das alles, bevor eine halbe Stunde später der dünne Wasserstrahl wieder versiegt. An manchen Tagen wartet die Familie vergebens, erst am nächsten Tag ist dann wieder Wasser zu haben.

Bildergalerie: Wasserkrise in Indien

«Wir verlieren einen Großteil des Tages und unseres Lebens mit dieser frustrierenden Warterei und wir fragen uns jedes Mal, ob wir genug Wasser bekommen», sagt Singhs Frau Bimla. «An manchen Tagen kommen wir mit einigen Eimern Wasser aus. An anderen Tagen müssen wir Wasser von privaten Versorgern kaufen.» Die Wasserkrise in Najafgarh am Rand der Hauptstadt Neu Delhi ist in Indien keine Ausnahme. In Städten wie Chennai im Süden des Landes kommt es regelmäßig zu Schlägereien unter den hunderten Wartenden, die sich für ihre Wasserration an öffentlichen Pumpen oder Tankwagen drängeln.

In Delhi steht der lange und heiße Sommer vor der Tür - eine nervenaufreibende Zeit für Bewohner und Behörden. Glühende Hitze und trockene Hähne bringen oft das Fass zum Überlaufen, Zusammenstöße und wütende Proteste sind an der Tagesordnung. Sogar getötet wurde schon für das kostbare Nass: Im Stadtteil Alipur kam es in einer Familie zu einem tödlichen Streit, nachdem eine Frau die Pumpe versperrt hatte, damit außer ihr niemand Wasser pumpen konnte.

Doch auch wenn Wasser vorhanden ist, sind die Probleme nicht gelöst. Vielerorts ist das Wasser mit Pestiziden und Schwermetallen verseucht. In etlichen Stadtbezirken gibt es keine Kanalisation. «Wir sterben einen langsamen Tod, wenn wir dieses giftige Wasser trinken», sagt BS Yadav aus Najafgarh. «Aber haben wir eine andere Wahl? Wir müssen überleben.» Wohlhabende Inder installierten Wasserfilter, fügt er hinzu. Arme Inder leiden an vielen über das Wasser übertragene Krankheiten wie Gelbsucht, Cholera und Hautkrankheiten.

Indiens Städte liegen wegen des starken Bevölkerungswachstums und der Verstädterung ganz unten im Wasserqualitätsranking in Asien. Für ein Fünftel aller Haushalte ist die nächste Trinkwasserquelle mindestens einen halben Kilometer entfernt. Regierungsangaben zufolge ist der Wasserbedarf Indiens auf 830 Milliarden Kubikmeter pro Jahr angewachsen, bis 2050 soll er auf 1447 Milliarden Kubikmeter steigen. Die Wasserversorgung stagniert jedoch. Wasserknappheit sei auch einer der Gründe für die etwa 16 000 Bauern-Selbstmorde pro Jahr, sagen Experten.

In den meisten Städten ist Wassermanagement ein Fremdwort, einer Studie der Nichtregierungsorganisation CSE zufolge geht etwa ein Drittel des Wassers wegen undichter Leitungen verloren. Viel Wasser wird auch verschwendet. In den noblen Vororten Delhis verbrauchten die Menschen etwa 3000 Liter am Tag für Autowäsche und Bewässerung der Gärten, kritisiert ein Geschäftsmann aus dem noblen Greater Kailash im Süden Delhis. «Sie verwenden Zusatzpumpen, um soviel Wasser wie möglich aus den öffentlichen Leitungen zu saugen. Und wenn das nicht reicht, rufen sie einen privaten Wassertank», erzählt der Mann.

Die Regierung hat ein landesweites Programm zur Reduzierung der Wasserprobleme ausgerufen. Auch die Beziehungen zu den Nachbarn China, Bangladesch und Pakistan leiden. Das Problem werde sich noch verschlimmern, meint die Aktivistin Rebon Dhar. Asien sei jetzt schon der trockenste Kontinent.

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