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Amanda Todd hält beschriebene Karteikarten in die Kamera und ruft im Internet um Hilfe. Das auf YouTube veröffentlichte Video war der letzte Hilferuf der 15-Jährigen aus der Nähe der westkanadischen Stadt Vancouver.
Amanda Todd hält beschriebene Karteikarten in die Kamera und ruft im Internet um Hilfe. Das auf YouTube veröffentlichte Video war der letzte Hilferuf der 15-Jährigen aus der Nähe der westkanadischen Stadt Vancouver. © dpa
17.12.2012

Wenn Cybermobbing tödlich endet

Berlin. Klatsch und Tratsch im Internet ist leicht verbreitet: Ein Klick und ein fieses Bild oder ein gemeiner Kommentar sind für jeden sichtbar. Welch schreckliche Folgen Cybermobbing haben kann, zeigen die Fälle von Winsie und Amanda Todd aus dem vergangenen Jahr.

Ein peinliches Foto macht im Internet die Runde. Die Kanadierin Amanda wird wegen des Bildes von ihren Mitschülern beleidigt und gehänselt, sie bekommt Panikattacken und Depressionen. In den Niederlanden postet Winsie nach einem Streit auf Facebook Gerüchte über ihre Freundin. Die Gekränkte rächt sich grausam. Am Ende sind die beiden 15-jährigen Mädchen Winsie und Amanda tot.

Mobbing unter Teenagern gibt es längst nicht mehr nur auf dem Schulhof. Die Lästereien und Beschimpfungen gehen oft im Internet weiter oder fangen erst dort an. Das Tückische: Cybermobbing kann jeder mitlesen, und jeder kann mitmachen. Und das Netz erscheint anonym: «Bei Kommentaren im Internet fallen Gestik und Mimik weg. Da weiß niemand genau: Ist das jetzt ein Scherz oder ernst gemeint?», sagt die Psychologin Stephanie Pieschl. Sie beschäftigt sich an der Universität Münster mit den Ursachen und Folgen von Cybermobbing.

Der Tod der beiden jungen Frauen hat in Kanada und in den Niederlanden - aber auch weltweit - Entsetzen ausgelöst. Das Martyrium von Amanda Todd beginnt, als sie in der siebten Klasse ist. Sie chattet mit Männern, die ihr Komplimente machen, einer bittet sie um ein Foto ihrer nackten Brüste. Als sie es ihm mailt, ahnt sie nicht was passieren würde. Der Mann schickt das Foto an ihre ganze Schule und lädt es bei Facebook hoch. Das Mädchen wird beschimpft und geschlagen, flüchtet sich in Drogen und Alkohol.

Im Oktober 2012 nimmt sich Amanda Todd das Leben - und wird zu einer Symbolfigur gegen Cybermobbing. Kurz vor ihrem Suizid sendet sie einen letzten Hilferuf aus der Nähe der westkanadischen Stadt Vancouver. Auf der Videoplattform YouTube lädt die 15-Jährige ein Video von sich hoch: Sie hält Karteikarten in die Kamera und erzählt ihre Leidensgeschichte. Jede Nacht habe sie geweint und alle ihre Freunde verloren. «Ich kann das Foto nie zurückholen. Es wird immer irgendwo da draußen sein.» Sie erntet nur Häme, keine Hilfe.

Forscher gehen davon aus, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Jugendlichen schon einmal im Internet belästigt wurden. «Ich bin mir sicher, dass man Cybermobbing nie vollständig verhindern kann», sagt Psychologin Pieschl. In Deutschland haben fast ein Drittel der 14- bis 20-Jährigen Mobbing im Netz erlebt, wie eine repräsentative Forsa-Studie im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) im Jahr 2011 ermittelte. Jeder fünfte Schüler wurde demnach im Internet oder per Handy direkt bedroht oder beleidigt.

Auch Winsies Tod zeigt, welchen Hass böser Klatsch im Internet auslösen kann. Ihre Freundin Polly habe mit mehreren Jungs Sex gehabt, postete die 15-Jährige auf Facebook. Das beleidigte Mädchen schmiedete mit ihrem Freund einen teuflischen Plan: Sie heuern einen 14-Jährigen für einen Mordkomplott an. Der Junge lauert Winsie im Januar vor ihrem Elternhaus in Arnheim auf, sticht ihr in Hals und Gesicht. Fünf Tage später stirbt Winsie. Der Täter muss für ein Jahr in Haft und in Zwangstherapie, die beiden Anstifter des sogenannten Facebook-Mords verurteilt das Gericht zu zwei Jahren Haft und Therapie.

Wer ein Opfer von Cybermobbing wird, sollte sich zur Wehr setzen, meint Psychologin Pieschl. «Nichts löschen und zum Beispiel durch Screenshots Beweise sichern», rät die Wissenschaftlerin Betroffenen. Und auf keinen Fall zurückmobben. «Es ist im Cyberspace ganz einfach auf einen Knopf zu drücken, und selbst zum Täter zu werden.»