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Wort für Wort: Oberarzt Dr. Michael Schellenschmitt bei Sprachübungen mit einem Schlaganfall-Patienten.
Wort für Wort: Oberarzt Dr. Michael Schellenschmitt bei Sprachübungen mit einem Schlaganfall-Patienten. © Seibel
26.06.2014

Wenn das Gehirn nicht mitspielt

Sprach- oder Sprechstörungen sind Fälle für die Neurologie. Denn beide Funktionen werden durch verschiedene Zentren des Gehirns gesteuert.

„Wir Menschen sind soziale Wesen, die in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Neben dem Sehen, Hören und Fühlen sind die Sprache und das Sprechen die Hauptfunktionen, die eine Kommunikation mit unserer Umwelt ermöglichen“, erklärt Dr. Michael Schellenschmitt, Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie und Leiter des Schlaganfallzentrums am Klinikum Pforzheim.

Bei der Betrachtungsweise unterscheidet man die Sprache, also die Sprachbildung und das Sprachverständnis, sowie das Sprechen, die Aussprache von Buchstaben und Wörtern. Beide Funktionen werden durch verschiedene Zentren unterschiedlicher Hirnteile, die in komplizierter Verbindung zueinander stehen, gesteuert. Bei Funktionsstörungen dieser Zentren oder deren Verbindungen kann es daher zu unterschiedlichen Störungsmustern kommen.
Bei Sprachstörungen (Aphasie/Dysphasie) kann die Sprachbildung oder das Sprachverständnis gestört sein. Es können aber auch beide Störungen gleichzeitig auftreten. „Bei einer Störung der Sprachbildung klagen die Patienten typischerweise über Wortfindungsstörungen. Hierbei können Dinge nicht genau benannt werden, werden teilweise umschrieben oder durch neue Worte ersetzt. Aber auch eine stockende Sprache, manchmal bis hin zu einem Wortsalat, oder völlig fehlende Sprache sind hier typische Symptome“, erläutert Schellenschmitt. Wenn das Sprachverständnis gestört ist, werden Worte nicht mehr richtig verstanden oder erkannt. Auch eine Kombination von beiden Einschränkungen ist natürlich möglich. Bei Sprechstörungen ist hingegen die Laut- beziehungsweise die Wortbildung gestört. „Die Betroffenen sprechen undeutlich, nuscheln, oder der Sprechrhythmus ist abgehackt.“ Eine Sprach- oder Sprechstörung kann unterschiedliche Ursachen haben. Tritt die Störung plötzlich oder eben schlagartig auf, ist vor allem an einen Schlaganfall zu denken. Hierbei ist schnelles Handeln erforderlich. „Bei einem Schlaganfall handelt sich um einen medizinischen Notfall. Über die Nummer 112 sollte der Rettungsdienst alarmiert werden, um schnellstmöglich ein Schlaganfallzentrum wie das am Klinikum Pforzheim zu erreichen“, rät Schellenschmitt. Dort können häufig durch eine rasche Diagnose und Therapie die gesundheitlichen Folgen verringert werden. Zu diesem Prozess gehören auch speziell ausgebildete Logopädie-Therapeuten, die so rasch wie möglich mit einer entsprechenden Sprach- beziehungsweise Sprechtherapie beginnen. Auch bei verschiedenen anderen Erkrankungen des Gehirns, wie zum Beispiel Tumoren, Entzündungen, Morbus Parkinson oder bestimmten Demenzformen kann vorwiegend die Sprache betroffen sein. Auch Schädigungen bestimmter Hirnnerven oder manche Muskelerkrankungen führen zu Sprechstörungen. „Der Neurologe kann oft schon durch die Befragung und die neurologische Untersuchung die Ursache erkennen, aber meist sind zusätzliche Tests und apparative Untersuchungen wie eine Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT), Elektroenzephalografie (EEG) oder Ultraschalluntersuchungen erforderlich“, erläutert der Mediziner.