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Mit Hilfe eines 3D-Mapping-Systems nimmt Dr. Kai Weinmann eine Verödung kleinster Herzbereiche vor. Auf demgroßen Monitor ist der linke Herzvorhof zu sehen. Die roten Punkte zeigen die Verödungsstellen.
Mit Hilfe eines 3D-Mapping-Systems nimmt Dr. Kai Weinmann eine Verödung kleinster Herzbereiche vor. Auf demgroßen Monitor ist der linke Herzvorhof zu sehen. Die roten Punkte zeigen die Verödungsstellen. © NAZLI
02.07.2014

Wenn das Herz aus dem Takt gerät

Der Herzrhythmus gehört wie das Atmen zum Leben und Überleben. An einem ganz normalen Tag schlägt unser Herz bis zu 100 000 mal. Das ist aber nicht immer so. Das gesunde Herz kann sich hervorragend an die Anforderungen des Alltags anpassen und schlägt nicht starr wie eine Maschine. Bei Freude, Ärger oder beim Sport kommt es zu einem natürlichen Anstieg der Herzfrequenz. Dies ist für unsere körperliche Belastbarkeit auch erforderlich. Wenn das Herz aber auch in Ruhe sehr schnell schlägt oder aus dem Takt kommt, wird dies oft als sehr bedrohlich wahrgenommen: Es besteht bei den Betroffenen große Verunsicherung, ob es sich um eine gefährliche Erkrankung oder eine harmlose Situation handelt. Hier kann die weitere Abklärung über den Hausarzt, Internisten oder Kardiologen für Sicherheit sorgen. In den vergangenen Jahren wurden wegweisende Fortschritte in der Diagnostik und Therapie von Herzrhythmusstörungen erzielt. Durch eine sogenannte elektrophysiologische Untersuchung (EPU) lässt sich der Mechanismus einer potenziellen Herzrhythmusstörung zuverlässig aufdecken. Bei dieser Untersuchung werden über ein Blutgefäß (eine Vene) in der Leiste dünne Messsonden schmerzfrei zum Herzen vorgeschoben. Schmerzlose Therapie Das über diese Sonden abgeleitete Elektrokardiogramm gibt bereits erste Hinweise auf die Ursache der Herzrhythmusstörung. Anschließend werden über die Sonden elektrische Impulse abgegeben. Die Herzrhythmusstörung kann dadurch schmerzlos ausgelöst und auch sofort wieder beendet werden. .Auf diese Weise wird der Ursprungsort der Störung detektiert und der Entstehungsmechanismus aufgedeckt., erläutert Dr. Kai Weinmann, Sektionsleiter der Elektrophysiologie am Helios Klinikum Pforzheim. Im nächsten Schritt erfolgt dann die adäquate Therapie. Diese wird durch Spezialkatheter ermöglicht. Über eine Erwärmung ihrer Katheterspitze mit Hochfrequenzstrom können punktuell hohe Temperaturen erzielt werden, so dass kleinste Areale im Herzen, die für das Auftreten der Herzrhythmusstörungen verantwortlich sind, gezielt abladiert (verödet) werden können. Die Ablationstherapie von Herzrhythmusstörungen hat in den vergangenen Jahren eine bahnbrechende Entwicklung erfahren. Mit Hilfe von sensortragenden Kathetern gelingt es nun, eine dreidimensionale .Landkarte. des Herzens zu erstellen und diese Katheter millimetergenau an den Ort der Entstehung von Herzrhythmusstörungen zu platzieren. Hochkomplexe Störungen wie Vorhofflimmern, untypisches Vorhofflattern und Herzrasen können mit Hilfe dieser Neuerung effektiver und sicherer behandelt werden. .Über weitere Spezialsensoren lässt sich jetzt auch der sogenannte Anpressdruck an der Katheterspitze bis auf das Gramm genau messen und steuern. Dies ist insbesondere bei der Ablation von Vorhofflimmern hilfreich, da hier die Herzwand nur wenige Millimeter dick ist., beschreibt Weinmann die Details eines solchen Eingriffs. Der klinische Fall Stefan W. ist 45 Jahre alt und leidet seit Jahren an immer wiederkehrenden Anfällen von Herzjagen. Plötzlich und ohne Vorwarnung, als ob man einen Lichtschalter betätigt, beginnt sein Herz zu rasen. Die Rhythmusstörung endet so unerwartet, wie sie begonnen hat. Die Anfälle dauerten anfangs nur wenige Minuten, mittlerweile treten sie auch über Stunden auf. Anfangs konnte der Patient die Anfälle durch Trinken von kaltem Wasser oder tiefes Einatmen selbst beenden, doch in letzter Zeit brachte dies keinen Erfolg mehr. Häufig war StefanW. während eines Anfalls nicht mehr fahr- oder arbeitsfähig. Sein Alltag und seine Lebensqualität waren deutlich eingeschränkt. Die geschilderten Beschwerden sind typisch für eine sogenannte AV-Knoten-Reentry-Tachykardie, der häufigsten Ursache von anfallsartigem Herzjagen. Bei dieser .gutartigen. Herzrhythmusstörung existiert in einem Teil der elektrischen Leitung des Herzens . dem AV-Knoten . eine zusätzliche elektrische Bahn. Durch eine harmlose Extrasystole kommt es zu einer kreisenden Erregung in diesem doppelt leitenden AV-Knoten, was zum Herzrasen führt. .Durch die gezielte Verödung der zusätzlich angelegten Bahn kann diese Form von Herzrhythmusstörung praktisch geheilt werden., sagt Kai Weinmann. .Wir haben dem Patienten zur Durchführung einer elektrophysiologischen Untersuchung geraten. Dabei bestätigte sich der Verdacht auf eine AV-Knoten-Reentry-Tachykardie. Die Herzrhythmusstörung konnte über eine Ablationstherapie erfolgreich behandelt werden. Seitdem ist der Patient beschwerdefrei und in seinem Alltag nicht mehr eingeschränkt., so Weinmann.