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Dieses Handout der australischen Nachrichtenagentur AAP zeigt den Campingplatz mit dem Zelt von Lindy Chamberlain, deren Tochter Azaria bei dem Campingurlaub der Chamberlains in der Nähe des Uluru (Ayers Rock) in Zentralaustralien verschwand. Die Leiche des Babys, gefressen von einem Dingo oder ermordet, wurde nie gefunden.
Dieses Handout der australischen Nachrichtenagentur AAP zeigt den Campingplatz mit dem Zelt von Lindy Chamberlain, deren Tochter Azaria bei dem Campingurlaub der Chamberlains in der Nähe des Uluru (Ayers Rock) in Zentralaustralien verschwand. Die Leiche des Babys, gefressen von einem Dingo oder ermordet, wurde nie gefunden. © dpa
11.06.2012

Wildhund auf der Anklagebank: Schlussstrich im "Dingo-frisst-Baby"-Fall?

Pausbäckig und süß - so lernt die Welt Azaria Chamberlain 1980 auf Fotos kennen. Da ist das Baby längst verschwunden, entweder gefressen von halbwilden Hunden, Dingos, wie die Eltern beteuern, oder ermordet von ihrer Mutter, wie die Öffentlichkeit schnell glaubt. Der Fall von Baby Azaria und den Dingos im australischen Outback hat die Dramatik eines Horrorfilms, Gerüchte über Hexerei und Blutopfer machen die Runde. Der Mordprozess wird zum Medienspektakel. Mutter Lindy wird erst verurteilt, dann freigesprochen. Für sie ist der Fall bis heute nicht abgeschlossen. Sie will den Dingo als Todesursache ihrer Tochter auf dem Totenschein stehen haben. Am Dienstag (12.6.) entscheidet eine Richterin über den Antrag.

Pastor Michael Chamberlain von der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten campt mit seiner Frau und den Kindern Aidan (6) und Reagan (4) im August 1980 am Uluru, dem Steinmassiv in Zentralaustralien, das früher Ayers Rock hieß. Die Familie zeltet und auch Azaria, gerade neun Wochen alt, ist mit von der Partie. Die Chamberlains sitzen mit anderen Urlaubern beim Lagerfeuer zusammen, dann plötzlich helle Aufregung: Das Baby ist weg, wie vom Erdboden verschwunden. «Dingos», sagt Lindy sofort, «sie haben mein Baby verschleppt.»

Die Dingo-Theorie stößt auf Skepsis, und Lindy Chamberlain will so gar nicht in das Bild der verzweifelten Mutter passen. Sie schluchzt sich nicht in die Herzen der Fernsehzuschauer. Sie ist gefasst. Sie verweist auf ihren Glauben. Sie beharrt auf ihrer Geschichte. Dann tauchen bizarre Gerüchte auf: Die Chamberlains hingen einem Kult an, der Kinderopfer verlange. Lindy habe das Baby immer schwarz gekleidet. Der Name Azaria bedeute «Opfer in der Wildnis».

«Ich habe beschlossen, mich auf die schönen Erinnerungen zu konzentrieren, nicht den Schmerz», schreibt Lindy als Erklärung auf ihrer Webseite. «Ich will mich nicht elend fühlen.» Zu den Gerüchten heißt es: «Azaria heißt "von Gott gesegnet"». Zum Outfit: «Lindy mochte schon immer starke Farben und trägt sie auch selbst.» Azarias blutige Babykleidung wird gefunden, wie mit einer Schere zerschnitten und laut Anklage ohne eine Spur von Dingo-Speichel. Lindy sagt, das Baby habe eine Jacke angehabt. Man glaubt ihr nicht.

Lindy wird 1982 wegen Mordes verurteilt, ihr Mann wegen Beihilfe. Lindy habe das Kind aus dem Zelt geholt, im Auto mit einer Schere erstochen und die Leiche verschwinden lassen, sind die Geschworenen überzeugt. Hochschwanger geht sie ins Gefängnis, ihre Tochter Kahlia kommt nach der Geburt zu Pflegeeltern.

Vier Jahre später finden Wanderer das Jäckchen, das Azaria trug, in der Nähe eines Dingo-Baus. Lindy wird entlassen. Das vermeintliche Blut im Auto der Chamberlains stellt sich als Schalldämpfer-Spray heraus. Das Urteil gegen sie und ihren Mann wird 1988 aufgehoben. Im gleichen Jahr kommt das Drama als Hollywood-Film in die Kinos, mit Meryl Streep: «A Cry in the Dark» (auch bekannt als «Evil Angels»; deutscher Titel: «Ein Schrei in der Dunkelheit»).

Der Fall bleibt mysteriös, zu viele Fragen sind unbeantwortet. Im Jahr 2004 meldet sich ein Mann. Er will an dem Abend einen Dingo mit totem Baby im Maul erschossen haben und die Leiche aus Angst vor Strafverfolgung entsorgt haben. Er verstrickt sich aber bei Details in Unwahrheiten.

Einer der ermittelnden Polizisten bleibt bis heute dabei: An Azarias Verschwinden waren Menschen beteiligt. «Oder der Dingo ist damals mit dem Kind abgehauen, stehengeblieben, hat ihm die Jacke ausgezogen, sie wieder zugeknöpft, und ist dann abgehauen, mit dem Baby», sagte Denver Marchant unlängst der Zeitung «Daily Telegraph».

Die Chamberlains sind geschieden und wiederverheiratet. Lindy ist seit mehr als 20 Jahren als Motivationstrainerin unterwegs. Ihr Hauptthema: Vergebung.