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Mufflons stehen im Opel-Zoo wiederkäuend in ihrem Gehege. Mehr als hundert Jahre streiften die Mufflons durch das abgele
Mufflons stehen im Opel-Zoo wiederkäuend in ihrem Gehege. Mehr als hundert Jahre streiften die Mufflons durch das abgelegene Waldgebiet östlich von Lüneburg, nun sind sie weg. Foto: Frank Rumpenhorst
17.04.2019

Wildschafe fallen Wölfen zum Opfer

Göhrde (dpa) - Wie befürchtet, die Wildschafe hatten keine Chance. Mehr als hundert Jahre streiften sie durch das abgelegene Waldgebiet östlich von Lüneburg. «Das Vorkommen in der Göhrde ist vollkommen erloschen, es war das älteste in Deutschland», sagt Peter Pabel.Der 56-Jährige gilt als Experte für Mufflons, er leitet den örtlichen Hochwildring der Jäger, ist Wolfsberater und von Beruf Förster. «Das war zu erwarten - wenn der Wolf kommt, verschwindet das Muffelwild.»

Ursache ist ein merkwürdiges Fluchtverhalten, das die eindrucksvollen Tiere mit den schneckenförmigen Hörnern aus ihrer bergigen Heimat mitgebracht haben. Die Vorfahren der Mufflons in der Göhrde stammten aus Korsika und Sardinien - 1903 wurden die ersten ausgesetzt, doch konnten sie sich nicht dem nach Deutschland zurückkehrenden Wolf anpassen. Schleicht sich einer an, so machen sie einen kurzen Sprint, dann bleiben sie stehen. In ihrer Heimat konnten sich die Mufflons so auf Felsen und Klippen retten, die gibt es hier im Flachland aber nicht.

«Das könnte möglicherweise das einzige reinrassige Vorkommen in Deutschland gewesen sein», sagt Pabel. Kreuzungen mit Hausschafen oder anderen Rassen habe es hier nicht gegeben. «Diese Genressource ist jetzt verloren gegangen, das macht es so bedauerlich.» Nachdenklich schaut er sich in dem Naturschutzgebiet um, in dem er sie oft beobachtet hat. Statt der vielen Kiefern in der eher flachen Göhrde stehen vereinzelt Eichen auf trockenem Heideboden, mächtige Bäume auf kleinen Hügeln.

«Von da konnten sie weit gucken», erklärt Pabel. Geholfen es nicht. «Die letzten habe ich hier im Herbst 2017 gesehen», sagt er. Bis zu 300 waren es, dann kam der Wolf. «Das ging mit unglaublicher Rasanz, nach drei Jahren hatte er die Population ausgelöscht.» Nur ganz vereinzelt würden noch Mufflons außerhalb gesichtet. Pabel hatte vergeblich versucht, einige einzufangen, alle Versuche scheiterten. Er sieht die Sache differenziert. «Es liegt mir fern, einen Krieg gegen den Wolf anzuzetteln», betont er ausdrücklich. «Ich bin selbst Wolfsberater und dem Tier gegenüber durchaus positiv eingestellt.»

Manch Förster und Waldbesitzer in Deutschland ist von den Wildschafen genervt, weil einige von ihnen die Rinde von den Bäumen ziehen. Auch der Naturschutzbund Nabu sieht die Mufflons hierzulande höchst kritisch. So fordert der Nabu in Nordrhein-Westfalen seit Jahren sogar, die Art komplett abzuschießen. Das Mufflon sei an die weichen Böden hierzulande nicht angepasst und habe mit Hufproblemen zu kämpfen. Sebastian Kolberg sieht es ähnlich, er ist beim Nabu auf Bundesebene für den Artenschutz zuständig. «Wenn die Tiere nicht an die verschiedenen Lebensräume angepasst sind, wird es aus artenschutz- und tierschutzrechtlichen Gründen bedenklich», sagt er in Berlin.

«Das Muffelwild passt nicht überall hin», bestätigt Pabel. Bei weichen Böden drohe die sogenannte Moderhinke, das sei in der Göhrde aber kein Problem gewesen. «Richtig ist: Der Mensch hat es hier in die Natur gebracht - da scheiden sich die Geister.»

An vielen Orten in Europa wurden die Mufflons als Jagdwild oder Zugewinn für Parks und Waldgebiete ausgesetzt. So wurde Deutschland zu einem der Hauptvorkommen, während die Wiederkäuer in ihrer Heimat zumindest stark gefährdet sein sollen. «Der bundesweite Bestand wurde vor einigen Jahren auf rund 8000 geschätzt. Wir wissen aber nicht, wie viele es heute sind», sagt Nabu-Experte Kolberg.

Im Westen und Süden wird bislang nur selten ein Wolf gesichtet, so soll es allein in Nordrhein-Westfalen noch etwa 2500 Wildschafe geben. In anderen Bundesländern können Rückschlüsse meist nur aus der Zahl der erlegten Mufflons gezogen werden. Auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen sieht es danach noch sehr gut aus.

Anders dagegen im Osten: Nach der Wiedervereinigung hatte sich das erste Wolfsrudel in der sächsischen Lausitz angesiedelt, in der Muskauer Heide wurden im Frühjahr 2000 erste Welpen geboren - die Mufflons verschwanden dort vollkommen. Während die Jagdstrecken im Osten Sachsens stetig kleiner werden, sind die Bestände etwa im Erzgebirge nach Angaben des Umweltministeriums vergleichsweise stabil. Im «Wolfsland» Brandenburg sinkt die Mufflon-Strecke seit Jahren stetig.

In Niedersachsen sind nach Schätzungen der Landesjägerschaft rund 250 von bundesweit etwa tausend Wölfen unterwegs, doch noch sind die Schafe dort nicht überall verschwunden, so im Harz. Ein genetisch vermutlich ähnlich gutes Vorkommen wie einst in der Göhrde lebe im Ost-Harz in Sachsen-Anhalt, sagt Pabel. Noch gibt es im Harz kein Wolfsrudel, doch das dürfte sich nach Einschätzung des niedersächsischen Umweltministeriums mittelfristig ändern. Dann haben die Wiederkäuer auch dort ein Problem. «Es fehlen großflächige steile und steinige Hanglagen», erklärt Sprecherin Lotta Cordes.

«Wenn man die Mufflons erhalten will, muss man rechtzeitig etwas tun», warnt Pabel nach den Erfahrungen in der Göhrde. Der Naturschutz werde seiner Verantwortung nicht gerecht, wenn er sich nicht auch um die Arterhaltung des Mufflons kümmere. «Um ein vollständiges Erlöschen zu verhindern, unterstützt das Land die Bemühungen um eine Sicherung der genetischen Ressourcen des Muffelwildes in Niedersachsen», sagt Cordes. «Das gilt auch für Fangversuche wie in der Göhrde, sollten sie eines Tages etwa im Harz notwendig werden.»

«Sollte sich der Wolf bundesweit etablieren, so ist nicht davon auszugehen, dass die Population in Deutschland dauerhaft bestehen wird», fasst Nabu-Experte Kolberg zusammen. Kleine Inselvorkommen auf trockenen und felsigen Böden seien jedoch nicht auszuschließen.

Und wie reagieren Jäger? «Jagd in Deutschland muss nachhaltig sein», sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. «Wenn es bei einer Art weniger Nachwuchs als Todesfälle gibt, dann sollte nicht geschossen werden», betont er. «Wir züchten in den Zoos exotische Tiere wie Schneeleoparden, die vom Aussterben bedroht sind», die Mufflons dagegen hätten keine große Lobby.