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22.12.2017

Wirtschaftsexperten zur Wahl in Katalonien

Frankfurt/Main (dpa) - Die Neuwahl zum Regionalparlament in Katalonien hat keinen politischen Richtungswechsel in der spanischen Krisenregion gebracht. Die drei separatistischen Kräfte, die eine Unabhängigkeit von Spanien anstreben, konnten erneut eine absolute Mehrheit erringen.Umfragen hatten zuvor lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert. Anleger an den Finanzmärkten reagierten am Freitag verunsichert. Das sagen Ökonomen und Wirtschaftsvertreter zu dem Wahlausgang:

Friedrich Heinemann, Experte beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):

«Nach diesem Wahlergebnis muss der spanische Zentralstaat endlich den Wunsch nach größerer fiskalischer Eigenständigkeit Kataloniens ernst nehmen. (...) Wichtig ist, dass endlich eine Politik der Versöhnung durch eine höhere Steuerautonomie eingeleitet und die finanziellen Nettolasten Kataloniens begrenzt werden. (...) Wenn es nicht endlich zu wirklichen Verhandlungen über mehr Autonomie Kataloniens kommt, wachsen die ökonomischen Risiken für Spanien. Und das wäre auch ein Risikoszenario für die Eurozone insgesamt.»

Michael Rottmann, Experte bei der Bank Unicredit:

«Es dürfte schwierig werden, eine separatistische Regierung zu formen. Jede der drei Anti-Madrid-Parteien hat eigene Vorstellungen darüber, welche Haltung mit Blick auf eine Abspaltung man gegenüber der Zentralregierung einnehmen sollte. Außerdem gehen einige Sitze an Politiker, die entweder im Exil oder im Gefängnis sind. (...) Wir halten es für wahrscheinlich, dass Madrid weiterhin die Kontrolle über die Region entsprechend Artikel 155 der Verfassung behalten wird, während es parallel Verhandlungen über eine Verfassungsreform hin zu einem föderalen System geben wird.»

Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK):

«Für die deutschen Unternehmen ist es wichtig, dass nach der Wahl der politische Dialog wieder in rechtlich geordneten Bahnen erfolgt. (...) Die Ungewissheit über den zukünftigen Status der Region betrifft vor allem die 800 deutschen Unternehmen, die in Katalonien tätig sind, insbesondere in den Bereichen Chemie, Pharma und Automobil. Fast die Hälfte der kürzlich von der Außenhandelskammer Spanien befragten deutschen Unternehmen vor Ort hat bestätigt, dass ihre Investitionspläne durch die aktuellen Entwicklungen beeinflusst worden sind.»

Ralph Solveen, Experte bei der Commerzbank:

«Favorit auf den Posten des Regionalpräsidenten ist wohl wieder Carles Puigdemont, dessen Partei die stärkste Kraft im Separatistenlager ist. Allerdings dürfte eine Regierungsbildung sehr schwer fallen. Gelingt dies nicht, müssten die Katalanen im Frühjahr noch einmal wählen. (...) An den Märkten dürfte das Wahlergebnis allenfalls kurzfristig für etwas Unruhe sorgen. Denn am Ende wird entscheidend sein, dass das Thema 'Unabhängigkeit Kataloniens' erst einmal nicht mehr akut ist. Damit dürfte Katalonien mehr und mehr aus dem Blickfeld der Investoren geraten.»

Carsten Hesse, Europa-Ökonom bei der Berenberg-Bank:

«Beide Seiten müssen ihre Strategien überdenken. Eine einseitige Unabhängigkeitserklärung wird nicht funktionieren und hätte wahrscheinlich verheerende Konsequenzen für Kataloniens Wirtschaft. (...) Die einzige echte Option für die Separatisten sind Verhandlungen mit Madrid. Wir denken, Katalonien könnte langfristig mehr Autonomie bekommen, ähnlich wie das Baskenland.»