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© dpa
09.02.2012

Yoga in Sträflingsuniform

Nairobi. Im Schatten des Gefängnisgebäudes reckt, streckt und dehnt sich eine Gruppe von Frauen in schwarz-weiß-gestreiften Sträflingsuniformen. «Gleichgewicht halten und jetzt nach vorne strecken!», gibt Margret Anweisungen an die Häftlinge. Alle geben ihr Bestes, manche kichern, andere sind ganz konzentriert bei der Sache. Würden die Frauen Trainingshosen und T-Shirts tragen, könnte man meinen, einer ganz normalen Yoga-Klasse beizuwohnen.

«Wir haben viel Stress hier drinnen, vor allem mental. Aber wenn ich Yoga mache, dann denke ich an nichts anderes und mein Kopf leert sich, das fühlt sich gut an», sagt Jennifer, die seit sechs Jahren im Frauengefängnis Langata in Nairobi sitzt. Wie 59 Mitgefangene ist Jennifer Teil des Africa Yoga Projects (AYP). Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, benachteiligten Menschen in Kenia durch Yoga nicht nur neuen Mut und Kraft zu geben, sondern ihre Leben in jeder Hinsicht zum Besseren zu wenden.

Die Organisation gründete 2007 die Amerikanerin Paige Elenson, die selbst jahrelang Schülerin des berühmten Yoga-Lehrers Baron Baptiste war. Ein Jahr zuvor war sie eigentlich nur zu einer Safari nach Kenia gekommen und arbeitete im normalen Leben in New York an der Wall Street. In der Savanne entdeckte sie vom Auto aus einige Akrobaten aus den Armenvierteln, die mitten im Busch Handstand machten. Spontan stieg sie aus, gesellte sich zu ihnen und zeigte ihnen ein paar Yoga-Techniken. Da wurde die Idee geboren, den Menschen in Afrika ihr Wissen zu vermitteln und so zur Armutsbekämpfung beizutragen.

Ihr Motto lautet: «Um Yoga zu machen, braucht man eigentlich nichts als den eigenen Körper.» Aber die Ergebnisse sind enorm: Die indischen Atem- und Körperübungen helfen nicht nur allgemein der Gesundheit und dem Wohlbefinden, sondern tragen auch zur Stressbewältigung und zur Verarbeitung von Traumata bei. Zudem hilft das Projekt, Arbeitsplätze zu schaffen: «Um diesen Kontinent zu ändern, müssen Jobs kreiert werden, die Menschen brauchen einfach eine Chance», sagt sie.

In den Slums von Nairobi hat Elenson bis heute 42 Yoga-Lehrer ausgebildet, größtenteils junge Leute, die keine Zukunftsperspektiven sahen und von weniger als zwei Dollar am Tag lebten. Mittlerweile führt AYP in der kenianischen Hauptstadt 200 Yoga-Klassen pro Woche durch, an denen bis zu 4000 Menschen teilnehmen. Unter anderem werden die Kurse in Schulen, Gemeindezentren und Gefängnissen durchgeführt.

In Langata, wo die meisten Häftlinge HIV-positiv sind, werden seit 2009 vier Yoga-Lektionen pro Woche abgehalten: Zwei für die inhaftierten Frauen und zwei für ihre Kinder, die mit ihnen hinter den Gefängnismauern leben. Die Kleinen ahmen dabei afrikanische Tiere nach, sind mal Elefant, mal Affe und mal Giraffe. So lernen sie die Yoga-Techniken spielerisch. Und alles sind mit großem Elan bei der Sache.

Möglich geworden ist das alles nur, weil Kenia vor wenigen Jahren eine umfassende Gefängnisreform eingeleitet hat, mit der internationalen Standards entsprochen werden soll. Dies beinhaltet vor allem eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Häftlinge.

Yoga-Lehrerin Magret, die selbst in einem Slum aufgewachsen ist, liebt ihre Aufgabe und sieht die Fortschritte ihrer Schüler jeden Tag: «Ich arbeite mit Frauen, die Menschen getötet haben, und ich will ihnen dabei helfen, mit dem Stress der Situation fertig zu werden», sagt sie. «Durch Yoga sind sie zu besseren Müttern geworden, und auch die kleinen Kinder haben großen Spaß während der Kurse.» Ihre Kollege Jasper fügt hinzu: «Ohne Yoga wäre ich heute ein Dieb oder würde Leute um Geld anbetteln. Aber Yoga ist für mich zu einem Job geworden.»

Die Freude ist den Frauen anzusehen, während sie miteinander Dehnübungen machen und Massagetechniken lernen. «Yoga tut meinem Kopf und meinem Körper gut», meint Elizabeth, die seit vier Jahren in Langata ist und noch acht Monate absitzen muss. «Wir würden uns nur eins wünschen: Dass es bald vier Kurse für uns pro Monat gibt, und nicht nur zwei.»