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Schottland, seit über 300 Jahren mit England zwangsvereinigt, strebt nach Unabhängigkeit. Foto: dpa
Schottland, seit über 300 Jahren mit England zwangsvereinigt, strebt nach Unabhängigkeit
11.01.2012

Zacken aus der Krone? Schotten streben nach Unabhängigkeit

London. Dem Vereinigten Königreich droht ein Zacken aus der Krone zu brechen - ein gewaltiger. Schottland, seit über 300 Jahren mit England zwangsvereinigt, strebt nach Unabhängigkeit. Was in London lange Zeit als Egotrip unverbesserlicher Nationalisten unterschätzt wurde, macht jetzt die Politiker in Westminster nervös.

Sollte der britische Union Jack tatsächlich die Farbe blau verlieren? Sollten tatsächlich 20 Jahre nach der Revolution in Osteuropa auch auf den britischen Inseln neue Unabhängigkeitstendenzen Raum greifen?

Seit die linksliberale Schottische Nationalpartei (SNP) im vergangenen Mai die Regionalwahlen klar für sich entschied und mit absoluter Mehrheit ins Regionalparlament einzog, hat auch London erkannt: Es wird ernst! Spitzenbeamte aus dem Umfeld von Premierminister David Cameron warnen schon seit Monaten.

Und die Umfragewerte in Schottland, lange Zeit eine Beruhigungspille für das Londoner Polit-Establishment, klettern langsam aber sicher in Richtung Unabhängigkeit. Seit der Wahl im Mai machten die SNP-Separatisten zwischen sechs und neun Prozentpunkte gut, inzwischen sind bis zu 38 Prozent der fünf Millionen Schotten laut Umfragen für die komplette Abspaltung von Großbritannien.

Premierminister Cameron hat die prekäre Lage erkannt - zu spät, wie viele meinen. Lanciert in verschiedenen Londoner Medien, hat er am vergangenen Wochenende versucht, das Heft in die Hand zu bekommen. Eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit soll bereits innerhalb der nächsten 18 Monate über die Bühne gehen, forderte er. Dann werde er das Ergebnis auch als bindend anerkennen. Schottland-Minister Michael Moore äußerte sich dann am Dienstag entsprechend im Parlament, ließ aber den Zeitrahmen bewusst offen.

Die Reaktionen waren zurückhaltend - vornehm ausgedrückt. Wer es gut mit Cameron meinte, sprach von einer Verzweiflungstat. Er wolle nicht als der Premierminister in die Geschichte eingehen, unter dessen Führung das Vereinigte Königreich auseinanderbricht. Andere nannten sein Vorpreschen einen schweren Fehler. Cameron wolle nicht länger zusehen, wie der schottische SNP-Ministerpräsident Alex Salmond von Edinburgh alleine die Fäden zieht und musste handeln, meinte BBC-Politikchef Nick Robinson.

«Nördlich der Grenze», wie es in einigen Zeitungen schon heißt, wird Camerons Schritt als Affront empfunden. Nicola Sturgeon, stellvertretende Ministerpräsidentin Schottlands, nannte Camerons Ankündigung einen «unverhohlenen Versuch, sich in Angelegenheiten einzumischen, die den schottischen Bürgern vorbehalten sind.»

Die Taktiker in Edinburgh möchten lieber noch ein wenig warten mit der Volksbefragung. 2014, wenn die Schotten den 700. Jahrestag der Unabhängigkeitsschlacht von Bannockburn feiern, erhofft sich die SNP den entscheidenden Impuls, der ihr zum Sieg über die Engländer reichen könnte - diesmal nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an den Wahlurnen. Am Dienstag gab Salmond offiziell als Termin «Herbst 2014» bekannt.

Die Westminster-Parteien haben Schottlands Identitätsfrage lange Zeit vernachlässigt - obwohl Edinburgh zu großen Teilen von Quersubventionierungen profitiert. So können sich die Schotten beispielsweise im Gesundheitssystem oder in der Bildung Geschenke an die Bürger leisten, die im Rest Großbritanniens undenkbar wären. Freie Arzneimittel etwa, oder kostenlose Zahnarztbesuche.

Für den SNP-Fraktionschef in Westminster, Angus Robertson, der mit viel Herzblut den erfolgreichen SNP-Wahlkampf 2011 geleitet hat, ist die schottische Unabhängigkeit eine Lebensaufgabe. «Wir wollen entscheiden, ob wir weiterhin der Müllplatz für alle britischen Atomwaffen sein wollen», sagt er. Schottische Soldaten würden in illegale Kriege wie im Irak gehetzt, beklagt er. Und nicht zuletzt: «Wir wollen eine positive Rolle in der EU spielen - das, was London derzeit nicht tut.»

Die Königin als Staatsoberhaupt und vorerst auch das britische Pfund als Währung will er behalten. Schließlich geht es den Schotten nicht nur um den Nationalstolz, sondern auch ganz banal ums Geld. «Warum haben wir nicht das selbe Maß an wirtschaftlichem Wohlstand wie unsere Nachbarn in Skandinavien», fragt Robertson. Schottland habe enorme Ressourcen bei den erneuerbaren Energien. Und vor allem: «Wir sind der größte Erdölförderer in der EU», sagt Robertson. Das weiß auch David Cameron. Er erinnert sich aber auch noch lebhaft daran, dass London in die Bresche springen musste, als die Royal Bank of Scotland mit Milliarden aus dem Gesamt-britischen Säckel vor dem Untergang gerettet werden musste.