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© dpa
30.01.2012

Zehn Jahre Prostitutionsgesetz: Bordell-Betreiber lieben es

Seit zehn Jahren hat Deutschland eines der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt. Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Den Frauen hat es wenig gebracht. Und der Polizei sind oft die Hände gebunden.

In Köln steht ein Hochhaus, das komplett von Prostituierten bewohnt wird. Das hat sich die Stadt in den 70er Jahren selbst so ausgedacht, um das Rotlichtmilieu aus der Innenstadt zu verlagern. Mittlerweile ist das «Huren-Hochhaus» ziemlich heruntergekommen. Die Beleuchtung ist geisterbahnmäßig schummrig, und die riesigen Erotik-Gemälde im Treppenhaus erinnern an ein altes Bahnhofskino. Das Einzige, was einem hier Vertrauen einflößt, ist ausgerechnet das Gesicht von Bordell-Betreiber Armin Lobscheid (55). Es sieht aus wie eine Mischung aus Hemingway und Weihnachtsmann.

Seit zehn Jahren ist die Prostitution in Deutschland völlig legalisiert. Ein Werk der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Sie wollte vor allem erreichen, dass sich mehr Prostituierte bei den Sozialversicherungen anmelden. Doch wie das Bundesfamilienministerium bestätigt, wird diese Möglichkeit «kaum genutzt». Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass sich die Arbeitsbedingungen für Prostituierte nicht wesentlich verändert haben.

Auch Lobscheid sieht das so: «Das ist komplett in die Hose gegangen. Die Frauen sind alle freiberuflich tätig. Die wollen keinen Arbeitsvertrag.» Die Prostituierten-Organisation Hydra sagt, das liege daran, dass der Beruf nach wie vor nicht gesellschaftlich anerkannt sei. Es erfordert ein gewisses Selbstbewusstsein, sich in amtlichen Formularen als «Prostituierte» zu bezeichnen.

Lobscheid beginnt einen kleinen Rundgang durch sein Reich, vorbei am «Domina-Studio» und an den «Tantra-Massagen». Manche Zimmer geben den Blick auf den Kölner Dom frei: «Schön, nicht?» Im «größten Laufhaus Europas» arbeiten immer 80 bis 100 Frauen. «Dazu kommen noch 15 bis 30 im Club und noch einmal 15 bis 30 Tänzerinnen.» Jetzt ist gerade besonders gut zu tun, denn es ist Messezeit. Man sieht Anzugträger telefonierend auf und ab gehen.

Im zehnten Stock schließt Lobscheid die Tür zu seinem Büro auf. An den Wänden hängen Geweihe - er schießt Elche in Kamtschatka und Steinböcke in Sibirien -, und neben dem Schreibtisch liegt ein Jagdhund, dem man besser nicht zu nahe kommt. Nein, wiederholt er, für die Frauen habe sich nicht viel geändert, wohl aber für Betreiber wie ihn. Vorher durfte er zum Beispiel nicht werben, da wäre das Riesenposter draußen an der Fassade mit der «Geld-zurück-Garantie» nicht erlaubt gewesen, genauso wenig wie Restaurant, Bistro und Tabledance.

Die Bordellbetreiber sind die großen Gewinner des Prostitutionsgesetzes, weil ihr Geschäft nicht mehr illegal ist und das Gewerbe deshalb insgesamt gewachsen ist. Lobscheid findet, dass er umgekehrt aber auch viele Pflichten hat. Er holt einen Aktenordner hervor, setzt seine Lesebrille auf und zeigt die vielen Formulare, die er ausfüllen muss. Die Polizei wird von ihm stets mit einer aktuellen «Belegungsliste» der bei ihm arbeitenden Frauen versorgt.

Die meisten Orte, an denen Prostitution stattfindet, sind allerdings keine Groß- oder «Wellness-Bordelle». Es ist der kleine Escort-Service, die Privatwohnung, der Straßenstrich. Und da im Prinzip alles erlaubt ist, können die Zuhälter dort machen, was sie wollen. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich sogenannte Flatrate-Clubs: Für teilweise nicht mehr als 20 Euro können Männer mit beliebig vielen Frauen schlafen.

Für die Polizei ist es schwieriger geworden, in diesem Milieu zu ermitteln - es muss jetzt ein gut begründeter Verdacht vorliegen, bevor sie aktiv werden kann. Menschenhändler zu belangen ist nur möglich, wenn belastende Aussagen der Opfer vorliegen; doch mit diesen Frauen in Kontakt zu kommen, erweist sich oft als unmöglich.

Viele sind Analphabetinnen aus Osteuropa, die gar nicht wissen, wo sie arbeiten und die Polizei für korrupt halten. Manche Kommunen lassen sich mittlerweile einiges einfallen, um auf eigene Faust gegen den ausufernden Straßenstrich vorzugehen: So hat Dortmund die ganze Stadt kurzerhand zum Sperrgebiet erklärt, nachdem sich die Zahl der Prostituierten in kurzer Zeit vervielfacht hatte.

Die Innenminister der Länder haben vor gut einem Jahr eine strengere Regulierung der Prostitution gefordert. Unter anderem wollen sie, dass genau definiert wird, welche Anforderungen eine legale Prostitutionsstätte erfüllen muss. Das Bundesfamilienministerium prüft derzeit, wie «die bestehenden rechtlichen Instrumentarien des Gaststätten-, des Gewerbe- sowie des Polizei- und Ordnungsrechts ausgebaut» werden könnten. Eine Änderung des Gesetzes selbst ist nicht geplant.

Es ist Nachmittag geworden, und das Kölner «Huren-Hochhaus» füllt sich mit Gästen. Lobscheid steht auf, sein Jagdhund hebt den Kopf. Am Ausgang sagt er wie ein mittelständischer Unternehmer, der gerade seine Bilanz-Pressekonferenz abgeschlossen hat: «Wenn noch etwas unklar geblieben ist, lieber noch mal anrufen. Ich bin immer erreichbar.»

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