nach oben
11.02.2015

Zeuge erscheint im Skinhead-Outfit beim NSU-Prozess

Bernd T. entspricht schon optisch jedem Klischee. Der bekennende Neonazi aus dem hessischen Kassel betritt mit festem Schritt den Saal A101 des Oberlandesgerichts München. Er trägt Glatze, hohe Springerstiefel mit roten Schnürsenkeln, Tarnhose und schwarze Bomberjacke.

Der 40-Jährige saß wegen Gewaltdelikten bereits mehrfach im Gefängnis. An diesem 185. Verhandlungstag im NSU-Prozess wird Bernd T. als Zeuge gehört. Denn aus der Justizvollzugsanstalt heraus hatte er sich 2011 in einem Brief mit brisanten Hinweisen an den hessischen Verfassungsschutz gewandt. Er deutete an, dass die NSU-Terroristen bei der Ermordung von Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel Hilfe von Neonazis vor Ort hatten. Die Frage nach Unterstützern der Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bei ihren zehn Morden und den Sprengstoffanschlägen in ganz Deutschland ist bis heute nicht geklärt.

In Gesprächen mit dem Landeskriminalamt (LKA) und dem Bundeskriminalamt (BKA) sagte Bernd T., dass Böhnhardt und Mundlos schon vor dem Mord an Yozgat in der rechten Szene in Kassel bekannt gewesen seien. Im Jahr des Mordes habe er selbst Mundlos und Böhnhardt vom Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe abgeholt. Gemeinsam hätten sie die Geburtstagsparty eines Freundes gefeiert, dort habe die Neonazi-Band „Oidoxie“ gespielt. Er wisse auch, sagte Bernd T., wo sich Böhnhardt und Mundlos vor dem Mord aufhielten, zu wem sie Kontakt hatten und wo sie schliefen.

Weiter berichtete Bernd T. im März 2012 den Ermittlern von einer „Arian Terror Brigade“ (ATB), die er als Nachfolgeorganisation des NSU bezeichnete. Diese Organisation sei im Aufbau und agiere europaweit. Bernd T: „Wer anderen Organisationen zu radikal ist, geht zu ATB.“ Auf die Frage, ob er aktuell eine Bedrohung in Deutschland durch die ATB sehe, sagte er, dies sehe er nicht, da die ATB sich noch im Aufbau befinde.

An diesem Tag im NSU-Prozess will er von alldem, was in den Vernehmungsprotokollen steht und Richter Manfred Götzl ihm vorliest, nichts mehr wissen. „Die Aussagen kommen nicht von mir“, behauptet T. Die Sätze seien ihm von den Vernehmungsbeamten in den Mund gelegt worden, er habe nie irgendwelche Informationen weitergegeben. Er kenne Böhnhardt, Mundlos und auch Beate Zschäpe überhaupt nicht. Bernd T. wirft damit dem BKA, dem LKA und der Staatsanwaltschaft vor, Aussageprotokolle zu fälschen. Der Richter fragt den Neonazi, ob er vielleicht Angst habe, ob er Repressalien aus der rechte Szene befürchte. Bernd T. verneint es.

Auch den Ermittlern kamen damals Zweifel an T.s Angaben. Nach ihren Erkenntnissen reisten Böhnhardt und Mundlos nicht mit dem Zug nach Kassel, sondern waren mit einem Mietwagen unterwegs. Zwei Tage vor dem Mord an Halit Yozgat hatten sie in Dortmund Mehmet Kubaşık ermordet.

 

Götzl fragt Bernd T. nach seinem Brief an den Verfassungsschutz. Dass er ihn geschrieben hat, kann auch T. nicht leugnen. Zeuge T.: „Das war aus einem Spaß heraus. Ich wollte gucken, was passiert.“ Richter: „Worin sollte denn der Spaß bestehen?“ T.: „Langeweile, das hatten einige im Knast gemacht.“ In dem Brief selbst forderte T. als Gegenleistung für Informationen seine Haftentlassung.

Nach zwei Stunden unterbricht Richter Götzl die Befragung. Bernd T. soll am nächsten Tag wiederkommen. Damit gewinnt auch das Gericht Zeit zu überlegen, wie es mit dem Zeugen umgehen will.