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Das deutsche Stromnetz stand in den vergangenen Tagen nahe am Blackout. Doch nicht der Atomausstieg war dafür verantwortlich, wie viele befürchtet hatten, sondern möglicherweise riskante Fehleinschätzungen der Stromhändler.
Das deutsche Stromnetz stand in den vergangenen Tagen nahe am Blackout. Doch nicht der Atomausstieg war dafür verantwortlich, wie viele befürchtet hatten, sondern möglicherweise riskante Fehleinschätzungen der Stromhändler. © dpa
16.02.2012

Zocken mit Stromversorgung? Netz nahe am Blackout

Zocken und Gier sind Begriffe, die Politiker gern mit den Finanzmärkten in Verbindung bringen. Doch dass womöglich zockende Stromhändler und nicht etwa die immer wieder beschworene Stilllegung von acht Atommeilern das deutsche Stromnetz gefährlich nahe an einen Blackout gebracht haben könnten, ist neu. Das deutsche Stromnetz habe seit dem 6. Februar zu unterschiedlichen Tageszeiten «erhebliche, über mehrere Stunden andauernde Unterdeckungen verzeichnet», schreibt die Bundesnetzagentur in einem Brandbrief laut «Berliner Zeitung».

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Die Netzwächter fordern Aufklärung, was zu der gefährlichen Unterversorgung zwischen dem 6. und 9. Februar geführt hat. «Es war sehr, sehr ernst», heißt es in der Aufsichtsbehörde am Donnerstag. «Wir werden das in alle Richtungen untersuchen», betont ein Sprecher von Präsident Matthias Kurth. Ob der Grund in einem aus Kostengründen betriebenen Kleinrechnen des Bedarfs liegt, sei aber reine Vermutung.

Was ist passiert? Wegen einer Rekordnachfrage von bis zu 100.000 Megawatt in Frankreich und auch eines in Deutschland hohen Verbrauchs bei extremer Kälte schnellte der Börsen-Strompreis am Spotmarkt für kurzfristige Einkäufe in die Höhe, teils waren über 350 Euro für die Megawattstunde Strom zu berappen. «Bilanzkreisverantwortliche» oder vereinfacht gesagt Stromhändler handeln mit Liefer- und Abnahmeversprechen - also dass sie für einen bestimmten Zeitraum von einem Stromlieferanten eine Menge X an Strom beziehen. Gegen sie richten sich die Vorwürfe.

Sie prognostizieren anhand von Erfahrungswerten über den Verbrauch den Einkaufsbedarf - daran orientiert sich auch die Stromproduktion. Doch Anfang Februar kam es massenhaft zu Fehlprognosen. «Diese waren für die Unterdeckung verantwortlich», sagt ein Branchenkenner. «Es kam zu einer Art Herdentrieb, der das System hätten gefährden können.» Der Verdacht: Die Händler können Prognosen kleingerechnet haben, um angesichts der extrem hohen Preise Geld zu sparen.

Um die Stromversorgung aufrecht zu erhalten, mussten Notreserven angezapft werden. Diese sogenannte Regelenergie dient als Absicherung, wenn ein Kraftwerk ausfällt oder es wegen kleinerer Prognosefehler mehr Bedarf gibt als erwartet. Das massenhafte Anzapfen der Reserve drohte das Netz aber nahe an den Kollaps zu bringen. Kurzfristig musste Reservestrom unter anderem aus dem Kohlekraftwerk Mannheim 3 und einem Ölkraftwerk in Österreich angefordert werden.

Das Brisante dabei: Die Regelenergie war weitaus billiger, Kosten von lediglich rund 100 Euro je Megawattstunde werden den Händlern im Nachhinein dafür berechnet. «Wenn Sie 350 Euro für die Megawattstunde Strom ausgeben müssen oder die Chance haben, an einem anderen Markt günstiger Strom zu beziehen, dann nutzen Sie diese Chance. Ich halte dies per se nicht für kriminell», betont Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Energy Brainpool.

«Es ist schwer, hier Absicht nachzuweisen», so Federico. Das Verlassen auf die Regelleistung wird in der Politik und der Industrie jedoch als riskantes Vabanquespiel bewertet. Gunter Scheibner, zuständig für die Netzabrechnung beim Betreiber eines großen ost- und norddeutschen Stromnetzes, 50 Hertz, kritisiert in einem Schreiben die dadurch heraufbeschworene kritische Netzsituation: «Die Inanspruchnahme von Ausgleichsenergie zur Lastdeckung ist nur zulässig, soweit damit nicht prognostizierbare Abweichungen ausgeglichen werden müsse».

Die Linke-Politikerin Dorothée Menzner fordert mehr staatliche Überwachung. «Akteure auf dem Strommarkt haben natürlich nicht primär die Sicherheit der Stromversorgung im Blick, sondern den Profit», kritisiert sie. Bei den Netzaufsehern wird überlegt, ob als Konsequenz für solche Fälle die Kosten für die Regelenergie stärker an die Börsen-Strompreise gekoppelt werden sollten, um ein Zocken mit der Versorgungssicherheit zu unterbinden. Beim Energiekonzern RWE, der im Zuge der Atomdebatten gerne an den Pranger gestellt wurde, wird präventiv betont, dass man mit der Lage nichts zu tun gehabt habe: «Wir haben keine Kraftwerksleistungen zurückgehalten».

Die genauen Hintergründe will die Bundesnetzagentur nun ermitteln. Schuld an der Sondersituation könnte auch das «M» haben, wird von Branchenkennern betont. Denn die Preise an der Pariser Börse für kurzfristige Stromeinkäufe schlagen derzeit besonders stark morgens und abends aus. Mittags gehen die Preise wie dem Verlauf eines M folgend trotz hohen Verbrauchs meist runter. Der Grund: Viel Solarstrom senkt auch im Winter mittags oft den Preis.

Durch die «Solardelle» können einige Kraftwerke aber nicht mehr wie früher durchlaufen. Um sie nicht für wenige Stunden anzufahren, was eher unrentabel ist, gebe es in den Morgens- und Abendzeiten bisweilen Knappheiten, die den Preis treiben - und damit das Geschäft der Händler erschweren, heißt es. «Wir haben zuletzt Preismuster erlebt, wie wir sie noch nicht kannten», so Energiefachmann Federico.

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