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23.05.2008

Zu Gast im kleinen Paradies

Sie ist wieder da, die hohe Zeit der Kleingärtner. An den Wochenenden mähen sie Rasen, polieren Gartenzwerge, sanieren ihre Hütten oder erholen sich vom Alltagsstress. Die PZ-Mitarbeiter Stefanie Bettinger (Text) und Markus Bechtle (Fotos) haben sich aufgemacht und in Pforzheim ein wenig Schrebergartenluft geschnuppert.

Das Tor schließt sich, Löwenzahn und Tulpen ragen seitlich in den Weg und dann ist da noch eine rennende Alarmanlage: Kläffend galoppiert Kessy an ihren Grenzstauden auf und ab. Einen Eindringling in ihrem Revier duldet sie nicht. Mal verschwindet sie hinter den Pflanzen, dann taucht das braun-weiß gefleckte Fell wieder auf. Als Tochter eines Jack-Russel-Terriers und einer Dackeldame überragt sie kaum den Löwenzahn links und rechts des Gartenwegs, der von altmodischen Laternen gesäumt ist. Umso mehr verteidigt sie ihn, die Rufe ihres Herrchens aus dem hinteren Teil des Gartens ignorierend.

Dabei kommen heute trotz des strahlenden Sonnenscheins auffallend wenig Menschen an ihrem Heim vorbei. Fest entschlossen, den Feind von seinem bunten Dackel zu befreien, taucht Herrchen hinter der Holzlaube auf. Groß, die breiten Schultern im grob gestrickten Fischerpulli, will er nicht so recht in den wie eine Rumpelkammer über die Jahre hinweg voll gestopften Schrebergarten passen. Keine Schutzhandschuhe, kaum Flecken auf der Hose.

Wie ein Labyrinth ziehen sich die verwunschenen, mit hellen Steinen eingefassten Pfade durch den Garten, führen zum Wasserspiel im Gartenteich und der eineinhalb Meter hohen Windmühle, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ein Fliegenpilz markiert die Richtung und ein kleiner Hexenofen im Eck verspricht leckere Mahlzeiten. Weiter oben spuckt ein giftgrüner Frosch jenes Wasser, das sich leise plätschernd über einen kleinen stufigen Wasserfall in den Teich ergießt – das Resultat jahrelanger Arbeit. Jeden Tag kommt er mit Kessy hierher und findet immer wieder etwas Neues, woran er werkeln kann. Nur zum Mittagessen geht's für kurze Zeit heimwärts, später im Jahr auch mit vollem Erntekorb für seine Frau. Ein Schrebergarten bedeutet viel Arbeit, aber das Schöne daran ist: Man selbst bestimmt das Wie und Wann.

Wie im Fitnessstudio

Des Hünen Nachbar beispielsweise geht die Sache ganz anders an. Den klassischen Strohhut auf dem Kopf, rammt er immer wieder die Heugabel in den festen Ackerboden. Mohrrüben, Kohlrabi und Salat wollen schließlich einen lockeren Boden, um ihren Geschmack voll zu entfalten. „Ein bisschen ist es schon wie der Vorgänger des Fitnessstudios“, sagt er, dabei sollte der eigene Schrebergarten ursprünglich Ausgleich zum anstrengenden Beruf sein. So in die Arbeit vertieft, entdeckt er den Nachbarn nur aus den Augenwinkeln. Verschwitzt und dreckig wie er ist, stützt er die Arme auf die Gabel und lüpft die Sonnengläser zum Gruß. Gelegenheit für eine kurze Verschnaufpause und ein Schwätzchen über Gott und die Welt. So sind die Kleingärtner, lässig und leger, so nah aufeinander kennt der Nachbar einen fast besser als man sich selbst. Da hat man nichts zu verbergen.

Nur fünf bis sechs Stunden die Woche werkelt dieser Naturliebhaber in seinem Garten, aber das mit Genuss. Dieses kleine Fleckchen Erde bedeutet ihm die letzte Bastion, in der man noch so richtig nach Lust und Laune vor sich hin pfriemeln kann. Im Frühjahr ist das Kleingärtnerdasein mühsam. Die Schäden der langen Winterzeit wollen beseitigt, das Unkraut gejätet und das Gemüse gepflanzt werden. Das bedeutet graben und noch mal graben. Aber Erdferkel fallen hier nicht besonders auf. Und Kleingärtner sind Füchse, insbesondere dann, wenn es darum geht, sich zum Schein an das Bundeskleingartengesetz zu halten. Doch so lange Verstöße sich in Grenzen halten, drückt der Sheriff einer jeden Gartenanlage beide Augen zu.

Die wahren Feinde sitzen ohnehin woanders. Fast jeder Kleingärtner war schon Zeuge, wie der Endivien-Salat oder die Tulpe einen Kopf kürzer gemacht wurde. Verfluchte Wühlmäuse! Genauso schlimm wie gefräßige Schnecken. Wie jedes Jahr hat einer die rettende Idee: Einfach engmaschige Drahtgitter wie Dachrinnen unter den Samen oder die Zwiebeln auslegen und hoffen, dass die Nager nicht findiger sind.
Und sie sind überall, die Nager. Auch in der Gartenanlage am anderen Ende der Goldstadt. Zehn Jahre lang hat der Familienvater aus Russland auf sein Stück vom Grün gewartet. Wie Gurken wachsen und der Salat gedeiht, sollten seine Kinder in der Praxis lernen. Jetzt ist die Tochter volljährig, der Sohn in der Pubertät und Vati steht oben ohne unter der knallenden Mittagssonne vor einer Brachwüste: die Laube abgerissen, der Boden vertrocknet – hier traut sich nicht einmal mehr die Wühlmaus auf den Acker. Aber zu Hause sitzen und Staubflusen zählen, das ist nicht sein Ding, sagt er.

So vieles wird heute von Maschinen und Computern erledigt, hier kann er noch mit seinen eigenen Händen arbeiten und stolz auf das Resultat sein. Vati hat das genaue Bild seines Traumgartens mit schöner neuer Holzlaube auch schon vor Augen. Bis zum Herbst soll es hier genauso bunt aussehen wie beim Nachbarn. Immer wieder beugt er sich dem Unkraut entgegen, hievt volle Wasserkanister empor oder schiebt den schweren Rasenmäher über die rund 350 Quadratmeter Fläche in steiler Hanglage. Aber dem frisch gebackenen Kleingärtner macht das nichts aus. Er ist felsenfest davon überzeugt, seine flügge gewordene Tochter auch auf den Geschmack zu bringen. „Gewaltenteilung“, sagt er schmunzelnd: Sie ist für Obst und Gemüse zuständig, er für Wasserzufuhr und Hausbau. Schwager und Cousin seiner Frau sind auch schon eingebunden. Zu dritt hocken sie um den Wasseranschluss am Eingang ihrer Parzelle und beratschlagen, was sie aus dem tristen Hahn zaubern können. Vorbilder finden sie zuhauf um sich herum. Von der simplen Plastiktonne bis hin zum aufwendig gemauerten Auffangbecken gibt es alles zu bestaunen.

Tipps unter Kollegen

Überhaupt lohnt es sich, auch mal in der eigenen Anlage durch die Gärten zu spazieren. Vielleicht hat der Nachbar von weiter oben eine besonders schöne Idee gehabt? Mit ein bisschen Fingerspitzengefühl ergattert man sicher einen Zweig von dem herrlich rot blühenden Rhododendron-Strauch. Der würde sich bestimmt gut machen im Eck hinter der eigenen Laube, musste doch unlängst die zu hoch gewordene Grenzhecke entfernt werden. Und was zu Schmunzeln gibt es auch immer. Hat der Nachbar doch tatsächlich einen jungen Kirschbaum viel zu nah an einen Busch gepflanzt. „Das wird nie was“, sagt da der gewiefte Kleingärtner und lacht sich ins Fäustchen. Aber ein Kleingärtner wäre kein Kleingärtner, würde er sich nicht bei nächster Gelegenheit zum Nachbarn aufmachen und ihm ein paar Tipps geben. Man kennt sich und weiß um die Stärken und Schwächen seiner selbst und der anderen.
Von der anderen Seite der Anlage weht ein säuerlicher Wind den Hang herüber. Rindenmulch schimpft sich der übliche Verdächtige: gut für einen nährstoffreichen Boden, schlecht für die Nase.

Zum Gegenangriff blasen heißt da die Devise und übertragen auf den Stadtstaat innerhalb der großen Stadt: den Grill anschmeißen. Noch beißt der Rauch in den Augen, aber bald schon entfaltet sich der Duft von Würstchen und Steaks in der Luft. Das verdrängt jeden Gestank, findet die Bewohnerin des Gartens, der sich direkt in der Rindenmulch-Einflugschneise befindet – zumal das einladende Essen endlich auch ihren Mann an den heimischen Herd lockt, der als Vereinsvorstand und Sheriff ständig in der Anlage unterwegs ist. Vorbei am mehr als unzuverlässigen Bewegungsmelder in Form eines Froschs, dem Gartenzwerg, der es sich in einem zerbrochenen Blumentopf gemütlich gemacht hat, und einem rot-gelben Blumenmeer hält er zielstrebig auf den silbernen Edelstahlgrill zu. Seine Frau bewacht das Gemüse auf dem Gaskocher in der Holzhütte. Aber was heißt da Holzhütte? Eher ein kleines Einzimmerapartment – wie ein zweites Zuhause eben, nur dass man das Haus verlassen muss, um auf die Toilette zu gehen.

Ab in den Liegestuhl

Einen solchen Garten kann man nur mit viel Liebe gestalten, sonst wächst einem die Arbeit über den Kopf und der Jäger nach dem Unkraut wird selbst zum Gejagten. Dann kann man sich aber nach getaner Arbeit einfach in den Liegestuhl fallen lassen und die Welt beobachten. Einfach so. Das Geplauder mit den Nachbarn gehört dazu. Vor allem nach der langen Winterpause ist das erste Treffen am Gartenzaun etwas Besonderes. Hat der Nachbar sich verändert? Denkt er immer noch, er könne mit seinem Mulch die Regenwürmer im Boden schützen? Und wieder die gleiche Anordnung der Blumen. Es hat sich also nichts geändert, aber das ist auch wieder irgendwie schön. Das ist Teil der Schrebergartenphilosophie.

In dieser Saison gibt es zudem ganz andere Aufreger: Die Wasserleitungen werden saniert. Jetzt gilt es schleunigst, einen Ersatzstandort für die Blütenpracht ausfindig zu machen. Aber Improvisation ist des Kleingärtners liebstes Kind. Da werden alte Autoreifen als Blumentöpfe verwendet und das alte Zelt vom Sohn als Gewächshaus missbraucht. Also wird auch dieses Problem wieder irgendwie gelöst und alles geht seinen gewohnten Gang in dem Stadtstaat mit den ganz eigenen Gesetzen.